Am Montag hat also auch der Karlsruher SC Einspruch eingelegt, "... im Hinblick auf die nach wie vor ungeklärte Situation um die Spielberechtigung des HSV-Spielers Bakery Jatta", wie es in einer Vereinsmitteilung hieß. 2:4 hatte der KSC gegen den Hamburger SV verloren. Und mit diesem Einspruch gleich noch einmal. Selbst den eigenen Fans ist der Protest peinlich.

Wie beim Einspruch des VfL Bochum, der 0:1 gegen den HSV verloren hatte, und dem des 1. FC Nürnberg, der ein 0:4 kassierte, wirkt der Protest der Karlsruher vordergründig fast entschuldigend, so als nähmen sie lediglich ihre juristische Pflicht wahr. Die Identität von Bakery Jatta wird seit Kurzem angezweifelt, angestoßen von einer Recherche der Sportbild. Jatta soll eigentlich Daffeh heißen und ein wenig älter sein, als alle denken. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte prüft den Fall gerade. Sollte Jattas Aufenthaltstitel auf falschen Angaben beruhen, wofür es derzeit keine Beweise gibt, könnte der DFB seine Spielberechtigung für ungültig erklären, Spiele könnten demnach für die Gegner des HSV gewertet werden. Aber nur, wenn sie Einspruch eingelegt haben.

Auch Sportrechtler argumentieren streng formaljuristisch. Sie empfehlen, die Diskussion um Jatta sachlich zu führen, ohne moralisch zu argumentieren. Als ließen sich Moral und Recht trennen. Du sollst nicht töten. Und wenn möglich auch nicht einem beinahe vorbildhaft integrierten jungen Geflüchteten das Leben zur Hölle machen. Und erst recht nicht Rechtsextremen Futter geben.

Auf das Spiel keinen Einfluss

Klar, Einsprüche sind ein legitimes Mittel. Wenn Vereine sich einen unerlaubten sportlichen Vorteil verschaffen, hat der Gegner das Recht, sich zu wehren. Zum Beispiel, wenn ein Spieler eingesetzt wurde, der gedopt war. Oder wenn der Schiedsrichter vorher im Wettbüro war. In Fällen also, die ganz konkrete Auswirkungen auf das Geschehen auf dem grünen Rasen haben, weil der Gegner schneller läuft, als er könnte, oder Elfmeter geschenkt bekommt, die er nie bekommen dürfte. Der Fall Jatta aber ist anders.

Ob Bakery nun Jatta heißt oder Daffeh, ob er 21 oder doch schon 23 Jahre alt ist, hat auf seine Leistung auf dem Platz und damit auf das Spiel keinen Einfluss. Kein gegnerischer Torwart würde einen einzigen Schuss mehr halten, nur weil der Schütze anders heißt als gedacht. Kein Gegenspieler würde einen einzigen Zweikampf mehr gewinnen, wenn er wüsste, dass sein Kontrahent ein wenig älter ist als vermutet.

Natürlich sollte die Angelegenheit aufgeklärt werden. Aber egal, was dabei herauskommt: Auf das, was im Fußball zählt, auf das nämlich, was auf dem Platz passiert, auf Sieg oder Niederlage, haben die Vorwürfe keinen Einfluss. Jatta hat dort niemanden betrogen. Mit sportlicher Fairness haben die Einsprüche deshalb nichts zu tun, sie sind momentan nicht mehr als kleinkariertes Funktionärsdenken. Schlechte Verlierer eben. Im Gegensatz übrigens zu Darmstadt 98 und dem Chemnitzer FC, die im Nachhinein nicht mehr protestierten.

Ein übles politisches Signal

Die Paragrafenreiterei wäre nur halb so schlimm, wenn die Clubs in ihrer stillen Hoffnung auf einen etwaigen Formfehler nicht übersehen würden, welche gesellschaftliche Botschaft ihr Protest vermittelt. Ob sie wollen oder nicht, ihre Einsprüche senden ein übles politisches Signal: Wir glauben, Jatta dürfe gar nicht mitspielen. Ja, eigentlich dürfte er gar nicht hier sein.

Über so etwas freuen sich natürlich diejenigen, die Migranten wie Jatta am liebsten aus dem Land werfen würden. Der Fall stehe "für den Irrsinn in der Asylpolitik", schrieb etwa die Hamburger AfD. Dabei hatte Jatta nie einen Asylantrag gestellt. Stattdessen ist Bakery Jatta ein talentierter Fußballspieler. Er steht beim HSV unter Vertrag, er gilt als fair und bescheiden, zahlt seine Steuern, Kinder tragen stolz das Trikot mit seinem Namen. Niemand ist geschädigt, im Gegenteil, viele freuen sich über ihn und sein Spiel. Es gäbe eigentlich kein Problem.

Nun wird eines draus gemacht. Und während Clemens Tönnies für lediglich drei Monate sein Amt ruhen lässt, muss ein junger Mann aus Gambia, der durch die Wüste und übers Mittelmeer geflüchtet ist, nun auch in deutschen Stadien Spießruten laufen. In Karlsruhe wurde er bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. Das wird auch mit den öffentlich gemachten Protesten der Vereine zu tun haben. Nürnberg, Bochum und Karlsruhe sollten ihre Niederlagen akzeptieren. Vor allem aber sollten sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden, anstatt sich Punkte erbetteln zu wollen, die sie ohnehin nicht verdient hätten.