Knapp war es schon beim letzten Mal, auch wenn es sich nicht immer so anfühlte. Die vorige Saison endete mit dem üblichen Sieger Bayern München, doch nur zwei Punkte dahinter landete Borussia Dortmund. Irgendwie erfrischend – im deutschen Fußball hatte sich schon die Rede von der ewigen Vorhersehbarkeit durchgesetzt.

Nun steht die neue Bundesliga-Saison an und einiges deutet darauf hin, dass es wieder ein echtes Duell um den Titel geben kann, vielleicht sogar mit einem anderen Sieger. Dass die Bayern wieder schlagbar sind, nicht nur an einem Tag, sondern über das gesamte Jahr. Dortmund scheint ein bisschen stärker geworden zu sein, der FC Bayern noch ein wenig schwächer, sodass beide in etwa auf einem Level sein könnten. Diese Rechnung kann, bei allen Unwägbarkeiten, die jede Fußballglaskugel so an sich hat, aufgehen. Deutlich mehr Leute als in den vergangenen fünf Jahren tippen auf den BVB als Meister, wenn auch hinter vorgehaltener Hand.

Der FC Bayern München war noch vor wenigen Jahren eine der drei besten Mannschaften Europas. Doch ein gutes Konzept, um das sehr hohe Niveau der Vergangenheit zu halten, fehlt seit drei Jahren. Die Transferposse um Leroy Sané, die in der Verletzung des Spielers endete, bestätigte das. Der FC Bayern erwies sich auch in anderen Verhandlungen als ungeschickt.

Nun hat er Ivan Perišić aus Mailand geliehen, einen erfahrenen Stürmer, der sich aber in Dortmund nicht auf Dauer durchsetzte. Vielleicht stößt noch der 33-jährige Mario Mandžukić hinzu. Das sind nicht die großen Lösungen. Lucas Hernández, den Bayern für die deutsche Rekordsumme von 80 Millionen Euro kaufte, könnte der beste Verteidiger der Liga werden. Benjamin Pavard hingegen, ebenfalls Weltmeister, war in der französischen Viererkette eher nicht unter den besten drei Verteidigern.

Summiert man die Einzelteile, hat Bayern wohl noch immer die beste Mannschaft der Liga. Aber der Abstand zur Konkurrenz hat sich verringert. Zudem hat Karl-Heinz Rummenigge erneut Niko Kovač gemaßregelt. Das zeigt: Der Trainer hat sich durch den Doublegewinn keine starke Position aufgebaut, sondern bloß seinen Job gerettet. Uli Hoeneß hört womöglich bald auf. Der FC Bayern wirkt bisweilen führungslos.

Tendenz: Platz 1 oder 2

Für Borussia Dortmund spricht, dass der Verein ausnahmsweise nicht seinen Besten an die Konkurrenz abgegeben hat. Zwar hat er Christian Pulisic für viel Geld nach Chelsea verkauft. Doch Jadon Sancho ist geblieben, Paco Alcácer auch, zudem ist der spanische Torjäger erstmals in seiner Dortmunder Zeit fit. Der BVB hat sich sogar verstärkt. In Julian Brandt steckt sehr viel, Thorgan Hazard war Gladbachs bester Kicker, Nico Schulz ist Nationalspieler, wenn auch nicht über alle Stellungsfehler erhaben.

Und Mats Hummels ist zurück. Er ist zwar nicht so schnell wie sein Vorgänger Abdou Diallo, der sich nach Paris vertreiben ließ. Doch Hummels hat mehr Erfahrung und Selbstbewusstsein, um der Abwehrmitte Halt zu geben. In der Champions League kommt man damit wohl nicht weit. In der Bundesliga kann das funktionieren.

Der BVB, der stets naiver wirkt als die Bayern, kann jederzeit ein 2:0 gegen Paderborn vergeigen. Die Problemzone im zentralen Mittelfeld hat er gar nicht erkannt. Aber er kann auch große Kraft und Dynamik entfalten. 0:5 wie im April will man gegen die Bayern nicht untergehen. Im Verein gibt es ein öffentliches Commitment zur Meisterschaft, vielleicht auch um den zaudernden Trainer Lucien Favre zu diesem Bekenntnis zu bewegen. Der tippt jedoch auf Bayern.

Tendenz: Platz 1 bis 3