Die Liga der Anfänger – Seite 1

Man könnte auf die Idee kommen, deutsche Trainer sind in Mode. Thomas Tuchel arbeitet für Paris St.-Germain und Jürgen Klopp hat jüngst mit Liverpool die Champions League gewonnen. Es war schon sein viertes Europapokalfinale, außerdem war er der einzige, der in der vorigen Premier-League-Saison Pep Guardiola gewachsen war.

Klopp wurde groß in der Bundesliga, inzwischen ist er zu groß für die Bundesliga, deren Saison mit dem Spiel Bayern gegen Hertha beginnt. Männer vom Schlage Klopp oder Pep, die kürzlich noch in Deutschland gegeneinander spielten, sucht man hier vergeblich. Trainer sind die wichtigsten Führungskräfte im Fußball, doch selbst manch ausgemachter Fan kennt einige nicht, die ab diesem Freitag in der Bundesliga an der Linie stehen. Rund die Hälfte aller 18 Trainer sind neu in Deutschlands bester Fußballklasse. Und sie haben ein anderes Profil als früher: internationaler zwar, aber unerfahrener, und, leider auch, erfolgloser.

Vor zehn Jahren setzte man im deutschen Fußball auf den erfahrenen deutschen Exprofi. Damals gingen 14 von 18 Bundesligisten mit deutschen Trainern in die Saison, die meisten von ihnen ehemalige Bundesliga-Spieler. Doch das Modell Felix Magath, Armin Veh, Thomas Schaaf oder Bruno Labbadia ist nicht mehr so gefragt wie früher, auch weil es auf Dauer keinen Erfolg hatte. Die Bundesliga erlebt sogar die erste Dieter-Hecking-freie Saison seit 2005, der nach seinem bitteren Ende in Mönchengladbach in Hamburg einen Anlauf in der zweiten Liga nimmt.

Heute muss man keine Ecke mehr am Betzenberg getreten haben, um Trainer in der Bundesliga zu werden. Die Ausnahmen sind Niko Kovač, Steffen Baumgart (Paderborn), Ante Čović (Hertha) und der ewige Friedhelm Funkel (Düsseldorf). Auch David Wagner (Schalke) und Marco Rose (Gladbach) haben in der Bundesliga gekickt, wenn auch nicht lange. Doch zwei Drittel der Trainer hat nie in der Bundesliga gespielt.

Am auffälligsten ist, dass gleich acht Trainer noch kein einziges Spiel in der Bundesliga geleitet haben. Neben Baumgart, Wagner und Rose heißen die Debütanten Thomas Glasner (Wolfsburg), Urs Fischer (Union Berlin), Achim Beierlorzer (Köln). Čović hat bislang ausschließlich als Jugendcoach gearbeitet, Alfred Schreuder (Hoffenheim) vor allem als Assistent. Auch muss ein Bundesliga-Trainer keinen deutschen Pass mehr besitzen. Exakt die Hälfte, die beiden Westberliner Kroaten Kovač und Čović mitgerechnet, stammt aus dem Ausland. Dass Trainer mehrheitlich deutsch sind, gilt nur noch in der zweiten Liga und tiefer.

Trainer ist nun ein Beruf

Die prägenden deutschen Typen der Gegenwart sind der Neu-Leipziger Julian Nagelsmann und Florian Kohfeldt aus Bremen, einst Tormann beim TV Jahn Delmenhorst, oder Domenico Tedesco, der zurzeit im Wartestand ist, aber womöglich diese Saison wieder in der Bundesliga auftaucht. Es sind junge Smarte im Poloshirt und in Sneakern. Sie können gut reden über Vertikalstaffelungen, Umschaltmomente und andere Dinge, die der Otto-Normal-Fan auf dem Platz gar nicht sieht. Den DFB-Trainerlehrgang schlossen sie als Beste ab. Viel gewonnen, darauf wies Mehmet Scholl hin, haben "die Studenten" noch nicht. Allerdings stehen sie als Dreißiger noch am Anfang ihres Schaffens.

Der Wegbereiter dieser Akademisierung war Ralf Rangnick. Dessen Credo war: Trainer ist was ganz anderes als Fußballer. Eine These so radikal wie seine Spielidee, wonach Ballbesitz wertlos ist und es im Fußball darauf ankommt, wie sich eine Mannschaft "gegen den Ball" verhält. Einige der Bundesliga-Trainer kreuzten Rangnicks Weg irgendwann im Laufe ihrer Karriere in Hoffenheim oder im Red-Bull-Imperium an den Standorten Leipzig und Salzburg. Etwa Kovač, Rose, Schreuder, Beierlorzer, Wagner oder Adi Hütter (Frankfurt).

Manche folgen Rangnick, andere bezeichnen sich als Klopp-Schüler, dessen Volldampffußball dem Rangnicks ähnelt. Alle einen ein paar Wesensmerkmale, die auf Rangnick zurückgehen: Fleiß, Ordnung, Disziplin. Der Sportlehrer Rangnick bereitete jedes Training vor und nach, brütete über Übungen, führte Buch über Trainingsleistungen, stellte zudem viele Mitarbeiter ein, die er anleitete. Die Babbels, Finks und Dolls ließen die alltäglichen Sachen oft den Co-Trainer allein machen, andere aus der Schule der Ex-Profis arbeiteten gemäß der Türschwellenpädagogik: Sie machten sich erst Gedanken, als sie die Türschwelle übertraten, manche nicht mal dann. Rangnick jedoch begreift – und das ist in Deutschland noch immer nicht überall verinnerlicht – Trainersein als Beruf.

Die äußerst maue Europapokalbilanz

Die neuen Trainer arbeiten strukturiert – aber große Titel haben sie, wie Rangnick auch, nicht geholt. Die Gesamtbilanz aller 18 Trainer liest sich trist: Lucien Favre, Adi Hütter, Marco Rose und Urs Fischer gewannen ein paar Meisterschaften und Pokale in den kleinen Ligen Schweiz und Österreich. Überhaupt hat lediglich Wagner, der mit Huddersfield in die Premier League aufstieg, mal kurz in einer der drei großen ausländischen Ligen Spanien, England und Italien gearbeitet. Und in der Statistik findet sich nur ein einziger deutscher Meistertitel, der von Niko Kovač in der Vorsaison. Einer muss ja Erster werden. Bezeichnenderweise steht der Münchener Meistertrainer nach wie vor unter Druck, auch der Trainer des Bundesliga-Zweiten Dortmund, Favre, ist nicht über jeden Zweifel erhaben.

Noch mauer sieht es im Europapokal aus: Peter Bosz (Leverkusen) stand mit Ajax Amsterdam ein Mal im Europa-League-Finale, Rose und Hütter erreichten immerhin je ein Mal das Halbfinale. Einen Titel hat noch keiner gewonnen. Und dann ist da noch eine echte Horrorzahl, nämlich die der Siege in der K.-o.-Phase der Champions League: null. Kein einziges Mal also hat die Gesamtschaft der Bundesliga-Trainer ein Spiel in der entscheidenden Phase des Wettbewerbs gewonnen, wo der unstrittig beste Fußball der Welt gespielt wird. Immerhin ein Tor können sie vorweisen, das Team von Kovač traf beim Achtelfinalaus in diesem März gegen Liverpool. Um genau zu sein, es war ein Eigentor.

Wer formt Deutschlands Talente?

Zum Vergleich: In England arbeiten neben Klopp noch Guardiola, der in den drei stärksten Ligen der Welt allein acht Meistertitel gewann, und Unai Emery, der mit dem FC Sevilla drei Mal die Europa League für sich entschied. In Italien dirigieren der dreimalige Champions-League-Sieger Carlo Ancelotti, der mehrmalige Meistercoach Antonio Conte sowie der aktuelle Europa-League-Sieger Maurizio Sarri an der Linie. In Spanien wirken Zinédine Zidane, der als erster Trainer die Champions League drei Mal in Serie gewann, und Diego Simeone, der mit Atlético Madrid in vier Europapokalendspielen stand.

Die Bundesliga hingegen vertraut den Unerfahrenen. Sie beschäftigt keine Spitzenkräfte der Branche, hofft allenfalls darauf, dass sie es einmal werden. Man fragt sich zudem, warum deutsche Manager einen solch großen Wert auf die Sprache legen. Die ausländischen Trainer rekrutieren sie ausschließlich aus der Schweiz, Österreich und Holland – und nicht aus Spanien, Italien, Portugal, Frankreich, Argentinien, den erfolgreichen Trainernationen der Gegenwart.

Im Europapokal scheiden die Bundesligisten meist früh aus, inzwischen selbst Bayern München. Doch das zurückliegende U21-Turnier hat gezeigt, dass Deutschland nach wie vor viele Talente hat, mehr als die allermeisten anderen Länder. Mahmoud Dahoud, Jonathan Tah, Lukas Nmecha, Luca Waldschmidt oder Marco Richter brauchen allerdings jemanden, der sie zu Topkickern entwickelt. Beim letzten Schritt sind Trainer gefragt. Über José Mourinho sagte der ehemalige englische Nationalspieler Joe Cole in diesen Tagen: "Er hat mich in jeder Hinsicht zu einem besseren Spieler gemacht, zur besten Version meiner selbst." Wann hört man wieder ein solch großes Lob über einen Bundesliga-Trainer?