Ein verstorbener rechtsextremer Hooligan wird offiziell im Stadion betrauert. Der langjährige Kapitän Daniel Frahn wird wegen seiner Nähe zu rechten Fans aus dem Verein geworfen. Die Mitgliederversammlung verweigert die Wahl eines neuen Aufsichtsrats. Der brasilianische Mittelfeldspieler Marcelo de Freitas soll wegen rassistischer Beleidigungen gegen seine Frau aus der Stadt geflohen sein. Und Stadiongänger beleidigen ihren eigenen Sportdirektor Thomas Sobotzik als "Judensau".

Jeder einzelne dieser Vorfälle hätte vermutlich gereicht, um den Ruf von drei, vier Clubs für einige Zeit zu ruinieren. Aber der Chemnitzer FC, der Drittliga-Aufsteiger aus Sachsen, überbietet sich seit einigen Monaten damit, schlechte Nachrichten zu produzieren. Viel tiefer kann der DDR-Meister von 1967, immerhin der Heimatclub von DDR-Kultstürmer Eberhard Vogel und DFB-Legende Michael Ballack, nicht mehr fallen. Dass sich der Tabellenvorletzte in der Insolvenz befindet und um seine Existenz fürchten muss, gerät da fast zur Nebensache. Der Hass rechtsextremer Chemnitz-Anhänger hat auch einiges mit dem Insolvenzverfahren zu tun, das seit Mai 2018 in den Händen des Düsseldorfer Anwalts Klaus Siemon liegt. 

Dabei hat im März nach dem Skandal um die Trauerfeier für den Neonazi Thomas Haller, den langjährigen Chef der Stadionsecurity, im Verein offenbar ein Umdenken eingesetzt. Ob nur aus edler Gesinnung oder auch aus wirtschaftlichen Interessen, um Sponsoren nicht weiter zu verschrecken, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Einige Mitarbeiter, die die Aktion im März guthießen oder mit organisierten, mussten den Club verlassen. Der Nordostdeutsche Fußballverband installierte wenig später einen Antirassismus-Beauftragten. Im Mai verhängte der CFC gegen Mitglieder der Ultra-Gruppierung Kaotic Chemnitz 12-monatige Stadionverbote bei Heimspielen.

Gordian Meyer-Plath, Präsident des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz, sieht in Chemnitz "mit den Gruppierungen Kaotic und NS-Boys klar rechtsextremistisch organisierte und ideologisierte Fußballfanstrukturen". Im Stadion an der Gellertstraße seien diese Strukturen im sächsischen Vergleich besonders gefestigt, sagte er dem MDR. CFC-Ultras hatten die tagelangen Krawalle nach dem Tod des von Geflüchteten erstochenen Daniel H. vergangenen August federführend organisiert. Ein Mann, mit dem sich Daniel Frahn beim Auswärtsspiel in Halle in der Fankurve zeigte und mit dem er auch an- und abgereist sein soll, wird zu Kaotic gezählt. 

Insolvenzverwalter im Fadenkreuz

Die Betroffenen reagierten auf die unerwarteten Repressionen mit Drohungen und Gewalt. Bisher konnten sie trotz Auftrittsverboten für ihre Gruppierungen in der Kurve weitgehend unbehelligt agieren. Vor wenigen Wochen hingen sie bei einem Auswärtsspiel eine Zaunfahne mit einem Siemon-Porträt im Fadenkreuz auf. Nach der Kündigung des Aufstiegshelden Frahn wegen seiner Nähe zu rechten Ultras musste die Polizei die Geschäftsstelle absichern. Wenig später tauchten im Chemnitzer Toilettentrakt bei einem Heimspiel Schmierereien auf, die zum Mord an Siemon und Sportdirektor Thomas Sobotzik aufriefen. Und schließlich wurde Sobotzik, ein gebürtiger Pole, der den Kurs gegen rechts unterstützt und von manchen als Erfüllungsgehilfe Siemons gilt, vergangenes Wochenende in München von eigenen Anhängern als "Judensau" bezeichnet. Auch der Satz "Daniel Frahn ist wenigstens kein Neger" soll gefallen sein.