Es muss ja nicht immer gleich ein Rücktritt sein, aber es wäre doch das Mindeste gewesen, dass sich Tönnies genauer erklärt. War seine Aussage nur ein Ausfall oder entspricht das einer Ideologie? Wie ehrlich können Schalker Kampagnen für Weltoffenheit sein? Wie will der Verein künftig glaubhaft Fans für ähnliches Fehlverhalten bestrafen?

Denn auch in der Schalker Kurve wächst ein Konflikt zwischen demokratischen Kräften und ihren Gegnern. Die Schalker Fan-Initiative hat bereits Protest angekündigt, falls Tönnies bleibt. Auf der anderen Seite gibt es auch genügend Schalker Fans, die sagen: Die sollen sich mal nicht so haben.

Clemens Tönnies - Kein Rauswurf nach rassistischer Äußerung Nach dem Rassismusvorwurf legt Schalkes Vorstandschef Clemens Tönnies für drei Monate sein Amt nieder. Gelsenkirchener kritisieren die Entscheidung. © Foto: Tim Rehbein

Man würde von dem Unternehmer und Vereinschef Tönnies auch gerne wissen, ob er nach der Kritik an ihm darüber nachdenkt, welchen wirtschaftlichen, politischen und auch sportlichen Schaden Rassismus anrichtet. Im Schalker Ehrenrat wurde doch angeblich vier Stunden über solche Themen geredet. Ein einfaches "Sorry, das war töricht" ist vielen empörten Schalker Fans und Mitgliedern zu wenig, nicht nur solchen mit afrikanischen Wurzeln oder Angehörigen.

Kein öffentliches Wort von Tönnies bislang auch zu Gerald Asamoah. Die Schalker Legende, der für Deutschland im WM-Finale 2002 stand und zu dessen Abschiedsspiel in Gelsenkirchen mehr als 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauer kamen, sagte, er fühle sich "geschockt, verletzt, beleidigt".

Multiethnisches Milieu Fußball

Unbeantwortet ist zudem Hans Sarpei, noch ein in Ghana geborener ehemaliger Schalker Kultspieler. Er sagte: "Es sind rassistische Bemerkungen, die in keinster Weise mit dem Leitbild des FC Schalke 04 oder unserer modernen offenen Gesellschaft vereinbar sind." 

In Fragen der Toleranz war der deutsche Fußball sogar mal moderner als andere gesellschaftliche Teile, etwa die Wirtschaft. Es ist ja bezeichnend, dass Tönnies beim ostwestfälischen und sauerländischen Mittelstand, einem Milieu, wo man den Beischlaf halt im Dunkeln vollzieht, mit seinen Schenkelklopfern gut ankam. Da wird eben über alles gelacht, solange nur einer fordert, die Steuern zu senken.

Der Fußball hingegen ist ein multiethnisches Milieu, da genügt ein kurzer Blick auf das Schalker Mannschaftsfoto. Und ein Fußballverein mit mehr als 150.000 Mitgliedern hat heutzutage eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Die bedingungslose Milde mit Tönnies zeigt: Diese Aufgabe ist für Schalke 04 zurzeit zu groß.