Drei Sportmeldungen, alle aus diesen Tagen: Das Tönnies-Urteil sorgt bei Fans für Entsetzen. Der BVB sanktioniert Norbert Dickel und Patrick Owomoyela wegen "Itaker"-Beschimpfungen und einer Hitler-Imitation. Der Chemnitzer FC wirft seinen Stürmer Daniel Frahn wegen dessen Nähe zur rechtsextremen Szene raus.

Hätte es diese drei Meldungen vor 30 Jahren eigentlich gegeben?

Vor 30 Jahren, als auf die wenigen schwarzen Profis wie Anthony Yeboah, Tony Baffoe und Souleyman Sané in vielen deutschen Stadien Bananen und rassistische Schmähungen niederprasselten, ohne dass es für allzu große Empörung sorgte? Oder vor nicht einmal 20 Jahren, als ein gewisser Gerhard Mayer-Vorfelder Präsident des DFB war und Sachen sagen konnte wie: "Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsformationen stehen, kann irgendetwas nicht stimmen."

Heute könnte Sanés Sohn Leroy bald teuerster deutscher Profi überhaupt werden und trifft wie selbstverständlich für die DFB-Elf. Und während Affenlaute lange nicht zu überhören waren, sind sie heute zum Glück eine Ausnahme. Spieler verlassen das Feld, wenn sie sie hören. Der DFB hat gar einen Integrationsbeauftragten, einen in Brasilien geborenen Germanen namens Cacau.

So unerträglich für viele die Aussage Tönnies' und die verzagte Entscheidung des sogenannten Schalker Ehrenrats sein mögen: Allein der Fakt, dass dieses Thema nun über Tage die Schlagzeilen dominiert hat, zeigt, dass sich in diesem Land etwas geändert hat. Früher wäre Tönnies' Schweinerei möglicherweise kaum jemandem eine Erwähnung wert gewesen.

Es wird mittlerweile anders diskutiert

Heute aber gibt es Widerstand, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Spätestens nach der Entscheidung des Ehrenrats schrieben viele Fans, ihre Mitgliedschaft kündigen zu wollen. Ein Schalke-Fanclub aus den USA hat angekündigt, sich aufzulösen. Am Mittwoch teilten die Ultras Gelsenkirchen mit, die Entscheidung des Ehrenrats sei für sie "in keiner Art und Weise akzeptabel" und forderten die "Rote Karte" für Clemens Tönnies. Nicht auszuschließen, dass die fast 160.000 Mitglieder es schaffen, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Oder Tönnies eben irgendwie anders aus ihrem Verein zu werfen.

Auch der Schalke-Held Gerald Asamoah kritisierte die Sätze von Tönnies. Mittlerweile, so wird auch Tönnies erkannt haben, ist der Fußball und seine Öffentlichkeit so divers geworden, dass man keine Burschenschaftssprüche mehr machen kann, ohne immer auch ein paar der eigenen Leute zu diffamieren. Und von denen bekommt man die eben um die Ohren gehauen. Die kraftvollsten Zeilen zu Tönnies kamen in diesen Tagen von Hassan Talib Haji, einem in Kenia geborenen twitternden Schalke-Verrückten. Auch die wenig lustigen Späße Dickels und Owomoyelas wurden übrigens zuerst in BVB-Fanforen kritisiert und erst dann wirklich zum Thema.

Das ganze Land ist sensibler und reifer geworden. Es führt Diskurse, die von der Entwicklung einer Gesellschaft zeugen. Über MeToo, den Klimawandel oder dritte Geschlechter. Auch der Fußball ist weitergerollt. Er hat sich vom Proletensport zu Popkultur gewandelt. Er hat mehr und andere Fans als vorher. Durch die neuen Interessierten hat sich der Sport zivilisiert. Er ist bunter und vielfältiger geworden. Nicht überall, und mancherorts hat man das Gefühl, dass man schon mal weiter war, aber insgesamt wird anders diskutiert. Womöglich fallen die Tönnies nun nur auf, weil sie von einer aufgeklärteren Öffentlichkeit als das entlarvt werden, was sie sind: rassistisch, gestrig, aus der Zeit gefallen.

Dazu passt die dritte der Meldungen von oben, die im Trubel um Clemens Tönnies fast ein wenig unterging. Chemnitz galt nicht gerade als toleranteste Stadt der Republik. Im Frühjahr hatten Fans des Chemnitzer FC im Stadion eines verstorbenen Neonazis gedacht. Der Verein hat das zumindest gebilligt und auch in der Aufarbeitung des Falls zunächst nicht die beste Figur gemacht.