Die Revolution des Kinderfußballs – Seite 1

Zwei scheinbar babyleichte Quizfragen: Auf wie viele Tore spielt man Fußball und wie groß ist eine Mannschaft? Das weiß doch jeder! Je ein Tor auf jeder Seite, also zwei insgesamt, und elf Spieler. Doch ab der neuen Saison ist das falsch. Es stimmt zumindest nicht mehr immer, denn in Deutschland spielen Millionen Kinder bald auf eine andere Art Fußball.

Bisher spielten in Deutschland die Kinder meist 7 gegen 7 auf je ein Tor quer über das Feld, doch weil Vier- bis Elfjährige klein sind, wird nun auch ihr Fußball noch kleiner: der Ball, das Feld, auch die Mannschaften, die kleinsten bestehen nur noch aus zwei Spielern. Auch die Tore schrumpfen, dafür stehen auf jeder Seite zwei, also insgesamt vier. Funino nennt man die Grundform dieses Minifußballs, sie hat verschiedene Varianten, je nach Alter.

  • G-Jugend (U6/U7): 2 gegen 2 oder 3 gegen 3 auf vier Minitore
  • F-Jugend (U8/U9): 3 gegen 3 oder 5 gegen 5 auf vier Minitore
  • E-Jugend (U10/U11): 5 gegen 5 auf vier Minitore oder 7 gegen 7 auf zwei Feldtore

Der DFB, der ein paar Jahre gebraucht hat, um sich von Funino überzeugen zu lassen, hat sich nun für das neue Konzept entschieden und auf seiner Trainertagung am vorigen Dienstag eine einjährige Pilotphase verkündet. Das heißt, ab der neuen Saison werden zehn Landesverbände (Baden, Brandenburg, Bremen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Mittelrhein, Sachsen, Südbaden, Südwesten und Württemberg) das Minifußballprojekt proben, Bayern tut das bereits seit einem Jahr. In manchen dieser Länder wird parallel noch nach dem alten Modus gespielt, aber in Zukunft gibt es für deutsche Kinder vielleicht nur noch Minifußball.

Es ist eine Revolution des Kinderfußballs, die in den nächsten Jahren Schritt für Schritt vollzogen werden soll. Ziel ist es, Mädchen und Jungs altersgemäßer auszubilden, damit sie bessere Fußballerinnen und Fußballer werden, wenn sie groß sind. Daran glaubt Matthias Lochmann. Der Professor für Sportwissenschaft an der Universität Erlangen ist der wichtigste Funino-Verfechter, sein Sohn spielt auch Fußball.

Lochmann setzt sich seit Jahren für Funino ein, auf Tagungen, in Gesprächen, er forscht sogar darüber. Nun ist er glücklich und spricht von der "umfassendsten Reform im deutschen Fußball". Er verspricht sich sogar einen "weltweiten Einfluss". Der alte Fußball, sagt Lochmann, habe vielen Kindern den Spaß genommen und sie irgendwann zum Aufhören gedrängt. Außerdem habe er verhindert, dass Kinder ihr Talent ausschöpfen.

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Funino macht bessere Fußballer, sagen Studien

Das bisherige 7-gegen-7 sah oft so aus: Bei jeder Mannschaft gab es zwei, drei gute Spieler, die meist am Ball waren. Dafür bekamen ihn ein, zwei oder auch mal drei andere so gut wie nie. Stattdessen zählten sie Flugzeuge am Himmel oder pflückten Gänseblümchen. Vielleicht, weil sie nicht so viel Talent hatten, vielleicht auch nur, weil sie kleiner, schwächer oder jünger waren. Es gibt ja im deutschen Fußball und woanders die absurd ungerechte Praxis, Kinder zu benachteiligen, die im November oder Dezember geboren sind. Außerdem kam manchem Stöpsel der Weg von einem Tor zum anderen so lang vor, als müsste er im Nachbardorf für Vati und Mutti einkaufen gehen.

Damit ist Schluss. Wer Fußball nur aus dem Fernsehen als bisweilen langatmiges 11-gegen-11 kennt, wird sich beim wuseligen 3-gegen-3 die Augen reiben. Ständig ist Action. Die Kids toben und jagen den Ball. Wer ihn hat, spielt ihn zur Mitspielerin, muss sich aber sofort wieder anbieten. Oder man versucht mal, den Gegenspieler auszuspielen. Die beiden Minitore, auf die jede Mannschaft angreift, stehen, je nach Variante, 8 bis 14 Meter voneinander entfernt an jeder Längsseite. Alle Spieler erzielen Tore, doch wer trifft, muss sofort zurückeilen. Dann wird verteidigt. Beim Minifußball müssen alle mitmachen. Faulenzen ist nicht drin, Verstecken ist was für den Schulhof.

Kein Wunder, dass nach wenigen Minuten alle außer Puste sind, auch weil es nach Toren ohne Anstoß sofort weitergeht. Dann gibt es eine kurze Pause und ein anderer Turniergegner kommt dran. Studien belegen: Kinder, die eine Zeit lang Funino spielen, passen ihren Mitspielern den Ball genauer und schneller zu, haben einen besseren Überblick und laufen sich geschickter frei. Es ist die Wiedergeburt des Straßenfußballs.

Viele kleine Vorteile – und ein sehr großer

Durch seine vielen kleinen Vorteile hat Funino einen ganz großen: Ohne dass die Besseren, Älteren, Stärkeren vernachlässigt werden, fördert Minifußball die Schwächeren, Kleineren, Jüngeren. Und die Mädchen, denn die haben oft zwar genauso viel Talent wie die Jungs, haben jedoch auf der Straße oder am Strand weniger mit dem Ball gekickt. Deswegen sagt Lochmann, der Professor: "Es geht um etwas Höheres, nämlich Gerechtigkeit und Gleichbehandlung. Fußball ist auch Bildung, und alle sollen daran teilhaben."

Auch das wird nun neu auf deutschen Fußballplätzen: Beim Minifußball gibt es keine Schiedsrichter, Konflikte müssen Trainer und Spieler miteinander klären. An anderer Stelle sind Trainer nicht mehr so wichtig. So müssen sie manchem Knirps zwar noch die Schuhe binden, aber dürfen nicht mehr ein- und auswechseln. Überhaupt muss kein Kind mehr lange auf die Ersatzbank oder gar zu Hause bleiben. Beim Funino ist für alle Platz, denn auf einem einzigen Fußballfeld kann man acht bis zwölf Funino-Felder aufbauen.

Und so spielen beim Minifußball nicht mehr zwei Vereine gegeneinander, sondern es finden Turniere statt, bei denen viele mitmachen. Es gibt auch keine Tabelle. Die hat der DFB bei den Kids ja schon vor Jahren abgeschafft, aber Trainer und auch Eltern haben oft heimlich mitgezählt. Gewinnen macht zwar Spaß und gehört zum Fußball, doch Tabellen haben den Nachteil, dass Trainer sie zu wichtig nehmen – und immer wieder die Stärksten spielen lassen. Fußball, das ist die wichtigste Funino-Botschaft, gehört den Kindern.

Wie alles Neue stieß und stößt Funino aber auch auf Widerstand. Zehn DFB-Landesverbände machen nicht mit. Mancher Verein ist noch nicht überzeugt. Es gibt auch Befürworter des neuen Fußballs, die den alten aber noch nicht ganz abschaffen wollen. Sie sagen, dass es Kindern auch mal Spaß macht, wie die Erwachsenen zu spielen, also auf das große Feld. 

Gestritten wird auch über den Tormann. Den gibt es im Minifußball nämlich nicht. "Man sollte Kinder nicht erst mit zehn oder elf ins Tor lassen", schreibt Bodo Illgner, der Weltmeistertormann von 1990, in seiner Kolumne im Kicker. Dem entgegnen wiederum die Funino-Fans, dass Torhüter heutzutage auch gut mit dem Fuß spielen können sollten. Sie denken an Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen, die sehr gut das Spiel eröffnen. Hier wissen die Reformer, dass sie gefragt sind, ihre Version des Kinderfußballs weiterzuentwickeln. Tatsächlich gibt es auch schon eine Minifußballvariante, die den Torwart besonders schult.

Der Erfinder ist vor drei Jahren gestorben

Generell darf man sehr optimistisch sein. Der FC St. Pauli, Hannover 96, die TSG Hoffenheim oder der Hamburger SV lassen schon seit ein paar Jahren Funino spielen und berichten von sehr guten Erfahrungen. Der 1. FC Nürnberg arbeitet mit Grundschulen zusammen. Für Anfängerinnen und Anfänger eignet sich Funino besonders. Auch für Lehrerinnen und Lehrer, die Fußball bisher nicht mochten.

Erfunden hat Funino übrigens der frühere deutsche Hockeynationaltrainer Horst Wein. "Ich passe die Regeln dem Kind an", war sein wichtigster Satz. In Spanien, vor allem in Barcelona, findet man seine Ideen schon seit mehr als dreißig Jahren gut. Jetzt haben sie sich auch beim DFB durchgesetzt. Deutschland hat schon immer viele Fußballtalente hervorgebracht, wahrscheinlich werden es dank Horst Wein, der 2016 verstorben ist, bald noch mehr.