Und noch eine Ecke. Es lief schon die Nachspielzeit und die Bayern beeilten sich, um noch den Siegtreffer zu landen. Diesmal führten sie den Eckstoß kurz aus, doch auch das führte nicht zum Erfolg. Also noch eine allerletzte Ecke. Der Ball flog direkt an den Torraum. Kein Tor, Abpfiff, Enttäuschung. Münchens Stadionsprecher Stephan Lehmann musste die Leute geradezu trösten: "Es wird noch viele schöne Spiele geben in dieser Saison."

Die Hertha-Fans feierten in ihrem Block, im Oberrang in der Ecke, wohin man in München die Gäste stellt, möglichst weit weg von allen anderen. Ihre überraschend erfolgreiche Reise besangen die Auswärtsfans mit einer auf ihren Verein umgedichteten Version eines alten Hits von Marius Müller-Westernhagen. Überhaupt bewiesen die Berliner ein breites Repertoire, den Anton aus Tirol von DJ Ötzi hatten sie ebenfalls drauf. Hertha ist nicht nur Frank Zander.

2:2 endet der Auftakt der neuen Bundesliga-Saison zwischen Bayern München und Hertha BSC. Zum ersten Mal seit acht Jahren gewannen die Bayern ihr Auftaktspiel nicht, 2011 verloren sie gegen Lucien Favres Mönchengladbach 0:1. Es war der Beginn der letzten Saison, in der Bayern nicht Meister werden sollte. Das aktuelle Unentschieden gegen Hertha hat diejenigen zumindest nicht widerlegt, die an die Chance glauben, dass in diesem Jahr wieder mal ein anderer vorn landen wird.

Die Eckenwertung gewannen die Bayern 12:0

Dabei war Bayern fast durchweg die initiative Elf. 12:0 gewannen sie die Eckenwertung. Hertha hingegen schoss im ganzen Spiel nur zweieinhalb Mal aufs Tor, speziell in der zweiten Halbzeit stellte das Team sich hinten rein, ließ die Stürmer allein ihr Glück versuchen, und setzte auf eine vielfüßige Abwehr.

Hertha war nicht mal sonderlich stark, verteidigte mitunter abenteuerlich, etwa auf der rechten Abwehrseite. Wenn die Berliner mal vorn drauf gingen, boten sie dem FC Bayern großen Raum zum Kontern. Der griff an und griff an, es hätte locker zum Sieg reichen können. Niko Kovač hatte nicht Unrecht, als er nach dem Spiel sagte, das Ergebnis sei "glücklich für Berlin". Der Sportdirektor Hasan Salihamidžić, der in der Kritik steht, sagte sogar: "Das macht Lust auf mehr."

Und doch: Das Tor, das den Bayern den 2:2-Ausgleich bescherte, hätte nicht fallen müssen. Es war aus Berliner Sicht unnötig und blöd, abseits des Geschehens riss der Serbe Marko Grujić, ausgerechnet Herthas bester Mann, Robert Lewandowski nieder. Der zeigte die üblichen maximalen Opferblicke und -gesten, rotierte im Fallen mit den Armen wie eine Mühle, deren Flügel sich auch drehen, wenn der Wind stillsteht.

Es ging zunächst weiter und nicht mal die Bayernfans winkten ab. Doch dann griff zur Verblüffung der Zuschauerinnen und Zuschauer der Videoassistent ein. Während alle auf die Entscheidung des Schiedsrichters Harm Osmers warteten, schmähten die Fans, und zwar auch die Bayern, aus Protest gegen die Technik den DFB. Als Lewandowski traf, jubelten sie dennoch. Das Verfahren bemängeln, das Ergebnis goutieren – das nennt man Inkonsequenz.

Warum überhaupt hatte die Hertha geführt? Das 1:0 erzielten noch die Bayern, als sich Lewandowski im Rücken von gleich drei Abwehrspielern heranschlich, ohne dass die ihn bemerkten. Mit seinem leuchtend gelben Schuh stupste er den Pass von Serge Gnabry ins Tor.