Der mutmaßlich neue DFB-Präsident hat einen Eintrag im Stammbaum des deutschen Fußballs. Fritz Keller ist das Patenkind von Fritz Walter, dem verstorbenen Weltmeister von 1954 und Ehrenspielführer des DFB. Als Kind traf Keller sogar Sepp Herberger persönlich.

Nun soll er der neue Präsident werden, das hat der DFB bekannt gegeben. Das überrascht, denn auf eine große Verbandskarriere blickt er nicht zurück. Sein Vorgänger Reinhard Grindel war im April nach einigen kleinen Affären zurückgetreten, aber auch, weil er im Fußball fremd wirkte. Keller hingegen kennt man als Vorsitzenden und Präsidenten des SC Freiburg. Er ist der Kopf eines Vereins, der für Bescheidenheit und Teamgeist steht. Weil er zudem als Winzer unternehmerischen Erfolg nachweist, kann Keller ein guter Präsident werden.

Keller tritt wie sein Verein für Werte ein. Der SC macht seit Jahrzehnten mit wenigen Mitteln solide Arbeit und hält sich fast durchgehend in der Bundesliga. Allüren und Skandale gibt es im Breisgau fast keine, niemand sticht aus dem Kollektiv heraus. Der Trainer, früher Volker Finke, heute Christian Streich, ist der starke Mann. Keller ließ ihm stets alle Vollmachten und die Bühne.

Keller hat den Frauenfußball in Freiburg gefördert und die Nachwuchsarbeit als "ganzheitlichen Erziehungsauftrag" verstanden, wie er in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb. Sind die Jugendspieler des SC Freiburg zum Auswärtsspiel oder Pokalfinale in Berlin, schickt sie der Verein auf eine Radtour zur Holocaustgedenkstätte. "Bildung", schrieb Keller weiter, "ist außerordentlich wichtig."

Profis entscheiden immer mehr

Ehemalige Mitarbeiter betonen, Keller könne zuhören, habe ein Gespür für Schwingungen im Verein, gönne anderen den Erfolg. Vor allem beweise er seine Stärke in Krisen. Da hat vielleicht ein Topf seinen Deckel gefunden, denn auf seine Führungsqualitäten wird es nun ankommen. Der DFB litt zuletzt auch an internen Konflikten. Ohnehin hat er durch den Skandal um das Sommermärchen oder die unklug moderierte Affäre um Mesut Özil in den vergangenen Jahren stark an Ansehen verloren.

Hinter dem Präsidenten des SC Freiburg, dem ein pandabärhaftes Image anhaftet, weil alle den Club mögen, kann sich der Fußball womöglich versammeln. Auch wenn Keller während Heimspielen schon mal die Contenance verliert. Dem Manager von Hertha BSC, Michael Preetz, soll er mal den Mittelfinger gezeigt haben. Spieler, Schiedsrichter und andere Leute aus der Bundesliga berichten mitunter irritiert von einer, um es auf Winzerdeutsch zu sagen, herben Stimmung im Dreisamstadion, an der Keller nicht unbeteiligt sei. Keller sind die Emotionalitäten des Fußballs also nicht fremd, er hat aber die Größe zur Entschuldigung.

Er legt sich auch mit den Fans an, wenn die, was selten vorkommt, rechte Parolen rufen. "In Freiburg ist es leicht, gegen rechts zu sein", schrieb Keller in dem Gastbeitrag. Sein gesellschaftspolitisches Potenzial hat der DFB seit Theo Zwanzigers Rücktritt im Jahr 2012 nicht mehr ausgeschöpft. Wird Keller Rassismus entgegentreten, wie ihn die ehemaligen Nationalspieler Mesut Özil und Gerald Asamoah beklagt haben?

DFB-Präsident zu sein, ist eine große Aufgabe, da muss Keller mehr in den Vordergrund. Auch wenn das Amt schrumpft. Durch eine Strukturreform verlagert der DFB die Entscheidungsgewalt in Richtung DFL, die Vertreter des Profifußballs entscheiden in Deutschland immer mehr, wohin es geht.

Er hat den Weinhandel revolutioniert

Dabei braucht es einen Ausgleich. Der DFB ist laut seiner Satzung für die Amateure zuständig, für den gemeinnützigen Fußball, auch den für Kinder und Jugendliche. Keller wird sich dem Grundlagenvertrag annehmen müssen, der den Geldfluss zwischen Profis und Amateuren regelt. Dessen Umgehung und Aushöhlung durch den DFB zeigt: Geld, das dem Amateurfußball vertraglich zusteht, fließt in die Bundesliga.

Freiburg mag klein sein und Keller scheint kein Angepasster zu sein, da er 2016 als einer der wenigen Delegierten gegen Reinhard Grindel stimmte. Doch ist er noch immer ein Vertreter der Profis. Der DFB hat ihn mithilfe einer Agentur für Personalberatung bestimmt. Seine Wahl am 27. September dürfte nur Formsache sein, es gibt wahrscheinlich keinen Gegenkandidaten. Dabei bewirbt sich Ute Groth, die Vorsitzende der DJK TuSA 06 Düsseldorf. Doch ihr Antrag wird offenbar einfach übergangen. Mit Demokratie hat das nicht viel zu tun. Die politische Elite des Volksports Fußball entfremdet und entfernt sich von der Basis.

Es war eine der großen Leistungen des Winzers Fritz Keller, den Weinhandel zu revolutionieren. Aus dem edlen Produkt machte er Massenware, die man heute beim Discounter für 4,99 Euro kaufen kann. Dafür musste er sich gegen Widerstände durchsetzen. Keller hat dem Volk den Wein zurückgeben. Kann er auch dem Volk den Fußball zurückgeben?