Spätestens als er zur Pressekonferenz schritt, musste Julian Nagelsmann klar geworden sein, dass hier alles ein wenig anders ist. In jedem anderen Bundesligastadion können die Trainer nach einem Spiel gemütlich Platz nehmen, sich ein Mineralwasser greifen oder einen Kaffee schlürfen, während sie die Fragen der Journalisten beantworten. In der Alten Försterei wird gestanden. "Ein Stehpult hatte ich auch noch nie", sagte der Trainer von RB Leipzig und sah hinter ebendiesem aus wie der Regierungssprecher des Weißen Hauses. Bloß, dass er ein Nike-Shirt trug und von Lockpässen sprach. 

Es ist vieles anders beim 1. FC Union Berlin. Im Stadion, an dem die Fans einst mitbauten, wird an drei Seiten gestanden. Es hat so wenig Sitzplätze, dass Union nur mit einer Ausnahmegenehmigung der DFL in der Bundesliga mitspielen darf. Der Fanshop heißt "Zeughaus", ein VIP-Bereich "Schlosserei" und in einer verklinkerten Ecke des Stadions schieben Menschen nach jedem Tor große Schilder aus einem Fenster in Halterungen, eine Anzeigetafel im Handbetrieb.

Das kann man alles herrlich romantisch finden. Oder kitschig, weil es auch bei Union VIP-Logen mit blütenweißen Servietten auf den Tellern gibt und natürlich auch eine andere, moderne Anzeigetafel, auf der vor dem Spiel beständig Werbung läuft: für den Facebook-, Twitter- und Instagram-Account des Vereins, für das neue Trikot und das Bundesliga-Tourshirt, für Dog Tags, die passend zu den Spieltagen bedruckt wurden und für den ganzen anderen Krimskrams, den es im Zeughaus genauso gibt wie in jedem anderen Bundesliga-Fanshop.

Tränen in den Augen

Die Atmosphäre aber, die ist echt. Und die ist ganz fantastisch. Vor dem Spiel hielten die Fans Hunderte Plakate hoch, auf denen die Köpfe verstorbener Anhänger gedruckt waren, die es zu diesem so besonderen Spiel eben nicht mehr geschafft hatten. Die offizielle Zuschauerzahl wurde deshalb um etwa 500 Menschen nach oben korrigiert: 22.467. Einigen standen Tränen in den Augen. So etwas gibt es nur bei Union.

Und auch das: Nach dem Spiel feierten die Fans ihre Mannschaft mit dem Mantra von Köpenick: "FC Union, unsere Liebe, unsere Mannschaft, unser Stolz, unser Verein, Union Berlin, Union Berlin." Dabei hatte ihr Stolz gerade 0:4 gegen RB Leipzig verloren und war damit noch gut bedient. "Eindrucksvoll, wie laut das Stadion sein kann", sagte Julian Nagelsmann hinterher. Nun ist der Mann keine Kapazität für Stimmungsfragen, er trainierte bisher in Hoffenheim und nun in Leipzig, aber er hatte Recht.

Nur die ersten 15 Minuten war es still im Stadion. Mit einem kollektiven Schweigegelübde wollten die Union-Fans ein Zeichen setzen gegen ihren Gegner: RB Leipzig, das Fußballkonstrukt, das Kommerzprodukt schlechthin, für viele Unioner steht es für so ziemlich alles, was nicht gefällt am modernen Fußball. Um diesen Stimmungsboykott gab es vor dem Spiel ein wenig Wirbel, weil auch einige Union-Spieler zu verstehen gaben, es sei nicht besonders hilfreich, ausgerechnet am ersten Spieltag eine Viertelstunde ohne Unterstützung auszukommen. Denn wenn die Fans der 12. Mann sind, dann spielt man ohne sie halt doch mit einem weniger. So mancher unkte schon: Die Union-Fans, die sich so sehr als Gemeinschaft sehen, könnte es schon vor dem ersten Spiel in der Eliteliga zerreißen. Und der Verein würde eh irgendwann seine Werte dem Erstligakommerz opfern, denn das geht ja kaum: Ein System zu bekritteln, dessen Teil man selbst ist.

Schlosserjungs gegen Fußball-Ufo

Aber der Verein unterstützte das Anliegen seiner Fans und als Unions Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit vor dem Spiel ins Mikrofon rief, dass jeder Einzelne eingeladen ist, 15 Minuten zu schweigen, dem im Fußball Werte wie Fannähe und Mitbestimmung wichtig seien, wurde klar, dass die Unioner das Ding durchziehen würden. Kein Wunder, unterschiedlicher geht es kaum: Hier Union, die früheren Schlosserjungs aus Oberschöneweide, schon zu DDR-Zeiten ein Kultclub, weil Gegenstück zum von der Stasi gepäppelten Serienmeister BFC Dynamo und deshalb anschlussfähig für alle, die irgendwie gegen das System waren und bei Freistößen grinsend "Die Mauer muss weg!" riefen. Dort das mit Zuckerwasser angetriebene Fußball-Ufo aus Österreich, das erst in Leipzig gelandet war, als klar wurde, dass man es in Hamburg, München und Düsseldorf nicht haben wollte.