Eine durchzechte Nacht in einem kleinen Städtchen an der spanischen Costa Blanca und unsere neue Bekannte kennt noch eine letzte Bar, die wir unbedingt gesehen haben müssen: eine Tanzbar. Also nicht irgendeinen Ort gegenstandslosen, chaotischen Gewackels, bei dem man im kollektiven Unvermögen vor dem DJ-Pult beruhigt untergeht. Nein. Ein Ort, an dem sich Leute ohne Schritt- und Stilsicherheit zum Horst machen. Leute wie ich also.

Schneller als mir lieb ist, fordert mich eine Mittzwanzigerin zum Tanz; gegen den Sound von Latinorhythmen leiste ich Abbitte: "Ein paar Schritte, die ich als Teenager lernte, mehr hab‘ ich nicht drauf. Ich kann nicht führen, das wird dir bestimmt keinen Spaß machen. Perdóname." Sie zuckt nonchalant mit den Schultern: "Dann führe ich eben." Das klappt. So gut und eindrücklich, dass ich mich später frage, ob die Welt des Tanzens nicht schon viel zu lange in einem anachronistischen Wertekorsett gefangen ist.

Die alte Ordnung

Auch mein Teenie-Tanzkurs zum Abtanzball in meiner norddeutschen Heimat erscheint auf einmal in einem anderen Licht. Zehn, fünfzehn Jahre mag es her sein, als sich die Lehrerin zum Auftakt Gehör verschaffte: "Wir sind natürlich mittlerweile gleichberechtigt. Doch im Tanz gilt immer noch: Die Herren führen, die Damen folgen. Merkt euch das." Das tun wir. Wir werden damit Teil des sozialen Mörtels, der Generation für Generation die alte Ordnung des Gesellschaftstanzes festigt. 

Seitdem hat sich nicht allzu viel gewandelt, nur wenige Ausnahmen gehen Kurse und Workshops heute anders an. Diane Horn zum Beispiel, mehrfache deutsche Meisterin im orientalischen Tanz und bis vor Kurzem Leiterin ihrer eigenen Schule: "Standard nach alten Regeln war auch bei uns Programm – bis ich gemerkt habe, dass das so nicht funktioniert. Dass ich das nicht bin und dass das nicht meinem modernen Verständnis vom Tanzen entspricht." Bald will sie einen Laden mit neuem Konzept eröffnen.

Natürlich sind Frauen auf dem Parkett nicht in wehrloser Passivität gefangen, schließlich muss man sich auch führen lassen, also sich aktiv dazu entscheiden. Gerade im exotisch angehauchten Tango haben die Folgenden ein intensives Mitspracherecht, indem sie Figuren verneinen oder zustimmen. Doch das ist nur ein mit Ornamenten ausgeschmücktes Vetorecht.

Männer tanzen nicht – miteinander

Dennoch geht es Horn nicht nur darum, dass Frauen auf dem Parkett mal das Heft in die Hand nehmen sollten – es geht darum, althergebrachte Genderklischees aufzubrechen. Etwa dem unantastbarer Männlichkeit. "Männer tanzen so gut wie nie aus Spaß an der Freude miteinander. Das geschieht im Alltag einfach nicht. Und wenn doch, dann ist das immer etwas Besonderes und Spezielles", sagt Horn.

Das spiegelt sich auch medial wider. Schon in den Fünfzigern steppten etwa Gene Kelly und Donald O’Conner wohlgetrennt durch Singin' in the Rain. Nicht mal bei den Blues Brothers, der männlichsten aller bromance dance movies, finden sich Paarelemente – selbst wenn zwischendurch der ganze Männerknast auf den Tischen und von der Decke swingt. Und wenn es doch zum männlichen Paartanz kommt, wird er ins überstilisiert Lächerliche getrieben. Die Botschaft lautet: Packt euch nicht an, das ist Frauenkram.

"Bewegung ist immer der Vollzug von Bedeutung", sagt Denise Temme vom Institut für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln. Es ist das zentrale Wesen des Tanzens. "Die Tanzbewegung drückt eine gesellschaftliche Position aus – sie übt sie aber auch ein." Tanz ist weit mehr als nur irgendeine Komponente im sozialen Gefüge, es ist eine Werteordnung, die unsere Gesellschaft prägt.