Wo Homophobie der Alltag ist – Seite 1

Es sind nicht mehr viele Tage bis zur ersten Gay-Pride-Parade in Sarajevo. Was eigentlich ein Grund zum Feiern wäre, noch nie hat die Parade in der bosnischen Hauptstadt stattgefunden. Das Motto am 8. September wird "Ima izać'!" ("Kommt heraus!") heißen. Und als Anfang April von LGBTIQ-Aktivistinnen in Sarajevo das Datum und das Motto angekündigt wurde, gab es viele Reaktionen aus allen Lagern und Ideologien, unterstützende und homophobe gleichermaßen.

Doch die medienwirksamste Gelegenheit bat sich ein paar Tage später beim großen Fußballderby zwischen FK Želježničar Sarajevo und FK Sarajevo. Diese Chance ließen sich die organisierten Fans des FK Želježničar, die "Manijaci" (die "Wahnsinnigen"), nicht entgehen. Als Reaktion auf die Gay Pride wurde vor ihrer Kurve ein homophobes Banner angebracht. Dort stand deutlich geschrieben "Ima zabranit'!" ("Es soll verboten werden!"). Die wohl kalkulierte Grenzüberschreitung ging auf, das Bild wurde durch soziale Medien und die folgende Berichterstattung tausendfach geteilt.

Während das noch vielleicht als erlaubte Meinungsäußerung zählte, so war die Flagge des Königreichs Brunei neben dem Banner weitaus weniger missverständlich. In Brunei wurde kurz zuvor unter weltweitem Protest ein neues Gesetz verabschiedet, durch das homosexueller Geschlechtsverkehr und Ehebruch mit dem Tod durch Steinigung strafbar gemacht wurden.

"Schwuler" als Beleidigung

Der Vorfall beim Stadtderby von Sarajevo wurde in der postjugoslawischen Region kaum als solcher wahrgenommen oder kritisch diskutiert. Dabei steht er symptomatisch für das Problem mit Homophobie im balkanischen Fußball. Es ist weitverbreitet und bleibt fast immer unwidersprochen. Alltagshomophobie ist auf dem Balkan gesellschaftlich akzeptiert.

Zum Beispiel stellte eine 2017 von der Equal Rights Association (ERA) und der Weltbank durchgeführte Studie für den Westbalkan fest, dass ein Drittel der LGBTIQ-Community aufgrund ihrer sexuellen Orientierung schon mindestens einmal physische Gewalt erfahren hatte. "Schwuler" wird in der Alltagssprache fast ausschließlich abwertend gebraucht, im Fußball natürlich noch inflationärer als ohnehin schon. 

Der Vorfall in Sarajevo in diesem Frühjahr war auch nicht der erste, bei dem ein Stadion in Bosnien und Herzegowina von Fangruppierungen benutzt wurde, um Hass zu streuen. Die "Horde Zla" (die "Horden des Bösen"), eine Fangruppierung des FK Sarajevo, nahm 2015 am Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie ein Banner ins Stadion, auf dem stand: "Der 17. Mai ist euer Feiertag und wir wünschen, dass ihr uns deshalb die Schwänze lutscht."

Eine Chronik

Vorfälle wie diesen gibt es zuhauf. In Kroatien werden der Fußballverband und seine Vertreter von organisierten Fangruppen oft zu "Schwulen" degradiert, die "den Fußball gef*ckt haben". Die Regenbogenfahne ist dabei ein Symbol, um zu beleidigen. Fans von Roter Stern Belgrad, die "Delije" (die "Helden"), sind gegen die offizielle serbische Kosovopolitik. Zum Ausdruck bringen sie das mit einem weit über Fankreise hinaus populären "Kampfschrei". Der serbische Präsident Aleksandar Vučić wird mit "Vučić, Schwuler!", bedacht, oftmals gefolgt von einem "Du hast Serbien verraten".

Und ganz besonders haben sie sich auf die amtierende serbische Premierministerin Ana Brnabić eingeschossen. Sie ist offen lesbisch und hat vor Kurzem mit ihrer Partnerin einen Jungen adoptiert. Seither und vor allem, weil sie es gewagt hatte, Nationalismus und Xenophobie bei den Delije zu kritisieren, wird sie regelmäßig besungen: "Werde schwanger, Ana Brnaba" und "Es ist nicht deines, Brnaba, vielleicht ist es unseres, Brnaba" sind nur zwei Beispiele. Der Höhepunkt der homophoben Gesänge war der Vers: "Es sollen Babys geboren werden, das ist die Nachricht der Nordkurve, denn wir wollen nicht, dass Serbien ein Land von Schwulen wird." Mittlerweile existiert eine abgeschwächte Variante ohne den homophoben Part.

Alle schweigen

Dennoch: Von Fußballfunktionären hört man dazu wenig bis gar nichts. Ab und zu ringt man sich eine halbherzig gemeinte Stellungnahme ab, in der jeglicher Diskriminierung im Fußball abgeschworen wird, darüber hinaus passiert sehr wenig. Der mittlerweile verstorbene langjährige Präsident des kroatischen Fußballverbandes, Vlatko Marković, hatte seinerzeit sogar von der Uefa eine Geldstrafe wegen homophober Äußerungen bekommen. Für ihn sollten keine schwulen Spieler in einem Nationalteam spielen, aber das würde ja ohnehin kein großes Problem darstellen, da "glücklicherweise nur normale Menschen Fußball spielen".

Ein anderer kroatischer Fußballtrainer, Otto Barić, behauptete, bloß auszusprechen, "was viele denken", nämlich dass er "niemals einen Homosexuellen erlauben würde, in seiner Mannschaft zu spielen".

Das Tabuthema

Auch die meisten Spieler schweigen dazu. Nur von Josip Brekalo, dem kroatischen Nationalspieler vom VfL Wolfsburg, hat man gehört, dass er aufgrund seiner christlichen Überzeugung nicht hinter einer Kapitänsbinde in Regenbogenfarben stehen könne, mit der der VfL seit einem Jahr aufläuft. Ivan Rakitić vom FC Barcelona sagte in einem Interview, das schon sieben Jahre zurückliegt, aber dessen Zitate in diesem Frühjahr wiederaufkamen, dass er Homosexuelle zwar respektiere, sie aber nicht in der Kabine haben wollen würde. Er wollte sich in diesem Jahr dazu nicht weiter äußern.

So wie auch beim bislang letzten Vorfall in Sarajevo: Sowohl der Verein als auch der bosnische Fußballverband blieben nach den Bannern gegen die Gay Pride stumm. Bosnien und Herzegowina ist das einzige Land der postjugoslawischen Region, in dem bisher noch keine Pride-Parade stattgefunden hat, sie soll das bislang unsichtbare Leben der LGBTIQ-Community sichtbar machen. Dementsprechend geht die gesellschaftliche Debatte weit über das Fußballfeld hinaus.

Die Gefahr ist real

Die Parlamentsabgeordnete des Kantons Sarajevo Samra Ćosović-Hajdarević von der islamisch-nationalistischen SDA veröffentlichte auf Facebook einen Kommentar, der mittlerweile wieder gelöscht wurde. Dort attestierte sie der Parade und ihren Teilnehmern, dass sie "Volk und Land zersetzen" würden. Schüler der Polizeiakademie Bosnien und Herzegowina veröffentlichten eine Umfrage, in der sie fragten, ob die Gay-Pride-Parade beschützt werden sollte oder ob man die Teilnehmerinnen und Teilnehmer "inhaftieren" sollte.

In den Post eingebaut war auch eine Petition, die zu einem Verbot der Parade aufruft. Die Gefahr von physischer Gewalt ist also sehr real. Denn es bleibt nicht nur bei Gewaltfantasien und Aufrufen. Schon zweimal wurden andere LGBTIQ-Veranstaltungen in Sarajevo wegen gewaltsamer Übergriffe abgebrochen. Und es ist nicht lange her, als die Pride-Paraden in Belgrad und in Split von gewaltbereiten Fußballhooligans attackiert wurden. Homophobie ist also kein fußballspezifisches Problem auf dem Balkan, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Nur hat der Hass im Fußball keine Konsequenzen.