Halbmond auf weiß-blauem Grund – Seite 1

Gute 20 Minuten Autofahrt sind es von München bis zu jenem deutsch-türkischen Verein, der in die zweite Bundesliga will. A99 Richtung Osten, Ausfahrt Kirchheim, Halt vor der Gaststätte Zum Kelten, zu Fuß vorbei am Toilettenhäuschen und der Betonbahn für die Stockschützen, noch einmal links und man betritt die Haupttribüne im Sportpark Heimstetten. Hier, im Stadion des SV Heimstetten, trägt Türkgücü München aktuell seine Heimspiele aus.

Heute, an einem Samstag Ende Juli, geht es gegen den FC Memmingen. Vierter Spieltag in der Regionalliga Bayern, vierte Liga. Türkgücü, der Aufsteiger, ist Favorit. Memmingen hat die ersten drei Spiele verloren. Türkgücü bisher nur eines, in der vorherigen Woche gegen Garching. Unnötig. Garching machte aus einer Chance zwei Tore. 

"Des war a g'schenktes Spiel in Garching", sagt einer der treuen Fans. Sein Gegenüber nickt. Ein Dritter kommt dazu. "Merhaba", sagt er. "Griaß di", entgegnen die anderen.

Türkgücü war Ende der Achtzigerjahre, damals noch als SV Türk Gücü München, der sportlich drittgrößte Verein Münchens, hinter den Bayern und beinahe gleichauf mit 1860. 2001 musste Türk Gücü – was übersetzt türkische Kraft heißt – Insolvenz anmelden. Jetzt will der Verein aus dem Osten Münchens unter neuem Namen in die dritte Liga. Der Präsident Hasan Kivran spricht gar vom Aufstieg in die zweite Liga in den kommenden vier Jahren. Türkgücü wäre damit der erste Migrantenverein in Deutschland, der es in den Profifußball schafft.

Migrantenvereine gibt es, seit es in Deutschland organisierten Sport gibt. Als die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit Gastarbeiter, wie sie damals genannt wurden, anwarb, wurden es mehr. Noch vor einigen Jahren spielten einige Vereine, die von Migranten gegründet wurden, in der höchsten deutschen Amateurliga, etwa Türkiyemspor Berlin. Heute findet man sie vor allem in den unteren Ligen. Mittlerweile sind es nicht mehr nur türkische oder italienische Clubs, sondern auch serbische, irische, griechische, spanische.

Wie viele Migrantenvereine ist die Mannschaft von Türkgücü multinational. Beim Spiel gegen Memmingen stehen drei Spieler mit türkisch klingenden Namen auf dem Platz: Serhat Imsak, Furkan Zorba und der Kapitän Yasin Yilmaz, alle in Deutschland geboren. Anpfiff. Auf der Tribüne weiß einer, der es nicht mit Türkgücü hält, was der FCM zu tun hat: "Gegen die Türken musst du deine Chancen nutzen." Nach zehn Minuten trifft Yilmaz, ein echter Münchner, per Elfmeter zum 1:0. Aus den Stadionlautsprechern dröhnt das Signal eines Nebelhorns, dann Scooter: "Döp döp döp dö dö döp döp döp!"

Migrantenvereine sind ein Politikum

Auf einem kleinen Podest am rechten Rand der Haupttribüne feiern vier Männer. In ihren Händen halten sie ein Bier, das leicht aus dem Becher schwappt und neben das Reservebier auf den Boden plätschert. Ab und an rufen die Männer Imsak und Yilmaz auf Türkisch ein paar Anweisungen aufs Feld. Mit Yilmaz, der schon als Kind mit seinem Vater zu Türkgücü ging, können sie sich identifizieren. Der Stürmer ist in München geboren und im dritten Jahr im Verein, so lange wie keiner seiner Mitspieler. Die meisten, die zuschauen, haben türkische Wurzeln. Viele sind seit der zweiten oder dritten Generation in Deutschland.

Migrantenvereine sind ein Politikum, ständig müssen sie sich gegen Vorurteile wehren. Viele verbinden mit ihnen vor allem eines: Parallelgesellschaften. Die Clubmitglieder integrierten sich nicht, sagen einige Amateurfußballer, Zuschauer und Funktionäre. Und was passiert zum Beispiel, wenn Türkgücü aufsteigt und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf den Verein aufmerksam wird? Werden Spiele Türkgücüs dann zu einer Wahlparty für AKP-Anhänger?

"Die meisten hier sind mehr Münchner als ich"

"So weit ich weiß, gibt es auf der Geschäftsstelle keine politischen Interessen", sagt Robert Hettich, Türkgücüs sportlicher Leiter. Und Trainer Reiner Maurer, der lange bei 1860 war, sagt: "Ich war den Großteil meines Fußballerlebens in München, aber die meisten hier sind mehr Münchner als ich."

Der Politikwissenschaftler Stefan Metzger leitet das Referat Migration & Qualifizierung bei der Otto Benecke Stiftung und hat sich intensiv mit Vereinen mit Türkeibezug auseinandergesetzt. Er sagt: "Je stärker in Deutschland der Eindruck erweckt wird, dass türkische Migranten nicht dazugehören, desto stärker ist die Gefahr, dass eine Instrumentalisierung stattfindet." In einer gespaltenen Gesellschaft sind die Ausgeschlossenen leichter von politischen Verführern zu vereinnahmen, in allen Bereichen, auch im Fußball. Andererseits sagt Metzger, werde dies unwahrscheinlicher, je professioneller ein Verein sich aufstelle.

Die nächsten beide Tore macht Patrick Hasenhüttl, Sohn des österreichischen Trainers Ralph. "Türkgücü gol, gol, gol." "3:0 für unseren SV …", ruft der Stadionsprecher, "… äh für Türkgücü München". Gelächter. Ein Versprecher, kann mal passieren, vor kurzem hieß Türkgücü München noch SV Türkgücü-Ataspor München. "War zu lang", sagt Yilmaz später.

Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass sich Migrantenvereine nicht abschotten. Vor allem muss man wissen, was einer der wichtigsten Gründe ihrer Existenz ist: Weil es Migranten beispielsweise fast nie in den Vorstand deutscher Fußballvereine schaffen, gründen sie eigene Clubs, in denen sie nicht nur spielen, sondern auch mitreden dürfen.

Hasan Kivran ist seit 2016 Türkgücüs Präsident, er kam als Kind nach Deutschland. Dank der Geschäftskontakte des türkischen Unternehmers unterstützen namhafte Firmen den Verein. Der Hauptsponsor etwa war früher der wichtigste Partner von Manchester United. Kivran hat auch selbst investiert. Die erste Mannschaft ließ er vorsichtshalber in eine GmbH ausgliedern, um den Verein nicht zu gefährden, falls das Projekt Profifußball schiefgeht. Zwei Mal hintereinander ist Türkgücü zuletzt aufgestiegen, von der Landesliga in die Bayernliga und von dort in die Regionalliga. Auch dort will man nicht lange bleiben, maximal zwei Saisons. Dazu wurde bis auf vier Spieler der gesamte Meisterkader ausgetauscht.

Der Etat dürfte bei deutlich über einer Millionen Euro liegen. Finanziell können nur Schweinfurt und vielleicht Bayreuth mithalten. Auch dadurch eignet sich der Verein in der Regionalliga Bayern als Feindbild vom türkischen Emporkömmling. "Da braucht sich der gegnerische Trainer nicht die allergrößten Sorgen machen, wie er seine Spieler zum Laufen bringt", sagt Maurer. "Ich bin da aber auch keinem böse. Sauer bin ich, wenn getreten wird."

Ist Türkgücü noch ein türkischer Verein?

Gegen Memmingen läuft alles geordnet ab, auch Maurer ist zufrieden, obwohl er sich manchmal aufregt und in Richtung der Memminger schimpft. Aber der Schiedsrichter greift sofort durch. Sechs Gelbe Karten zeigt er dem FCM, zwei Türkgücü. Halbzeit. Ein Fan steht auf und schwenkt seine Türkeifahne.

Ist Türkgücü überhaupt noch ein türkischer Verein? Yasin Yilmaz stellt nach dem Spiel eine Gegenfrage: "Was heißt türkischer Verein?" Lässt sich nicht so einfach beantworten. "Da muss man immer ein bisschen aufpassen, weil alle Türken bei uns eigentlich Deutsche sind." Am Ende zähle sowieso nur die Qualität der Spieler. Der Verein verpflichtet nicht nur türkische Spieler, sondern die besten verfügbaren. Andernfalls wären die sportlichen Ziele nicht zu erreichen. "Wir suchen die Spieler nicht nach ihrer Herkunft aus", sagt Hettich.

Als bayerisch-türkisch will Türkgücü wahrgenommen werden, so wie es ihr Wappen ausdrückt: links oben Halbmond und Stern auf rotem Grund, darunter die weiß-blauen Rauten des Freistaats. Trotzdem ist Türkgücü für viele immer noch "der Türkenverein". "Das ist wie ein Imagesticker, der an den Vereinen klebt und den sie nicht mehr abkriegen", sagt der Politikwissenschaftler Metzger. Oft ist diese Zuschreibung abwertend, bisweilen rassistisch gemeint. Gab es in der aktuellen Saison Zwischenfälle? Nein, bisher habe man keine schlechte Erfahrungen gemacht, antworten Spieler, Zuschauer und Vereinsoffizielle. Yasin Yilmaz sagt, er habe in den vergangenen zwei Jahren bei Auswärtsspielen immer wieder Anfeindungen erlebt, das war während seiner Zeit bei der Spielvereinigung Unterhaching aber auch so.

Irgendwann soll Türkgücü Fans in ganz Deutschland haben

Als Memmingen das 1:3 erzielt, es ist noch fast die gesamte zweite Halbzeit zu spielen, wird ein Teil der 347 Zuschauer zum ersten Mal unruhig. "Schiri, mach deine Augen auf!", schreit ein Fan. Bringt nichts, Elfmeter für Memmingen. Klare Sache. 2:3.

Einer im Trikot der türkischen Nationalmannschaft, der sich mittlerweile zum Vorsänger aufschwingt, ist unzufrieden mit der Stimmung. "Haydi!" Er hämmert auf seine Trommel. Aber er trommelt nicht wie viele andere in deutschen Stadien, die so stark auf ihr Instrument einschlagen, als wollten sie es zertrümmern. Er macht das rhythmischer. In der rechten Hand hält er einen großen Trommelstock für die gröberen Schläge, das grüne Stäbchen in seiner linken sorgt fürs Filigrane. "La la la la la la la la la, oh Türkgücü", stimmt er an, die anderen singen nach.

In der Abwehr räumt Mario Erb Ball und Gegner mit einer Grätsche ab. "Super Mario, super Mario, hey hey." Neben Marco Holz und Karl-Heinz Lappe war Erb in diesem Sommer die wichtigste Verpflichtung Türkgücüs. Weit über 200 Mal ist Erb in der dritten Liga aufgelaufen, also da, wo sein neuer Verein hin möchte. Beim KFC Uerdingen wurde er zwar aussortiert, aber Hettich und Maurer sind überzeugt, dass Erb noch gut genug ist.

Ab 2020 spielt Türkgücü im Grünwalder Stadion

Bis zur Winterpause, die Ende November beginnt, wird Türkgücü in Heimstetten spielen. Im neuen Jahr, so der Deal mit der Stadt München, dürfen sie in das Grünwalder Stadion ziehen, die Frauen des FC Bayern ziehen dafür um. Für die Spielzeit danach muss neu verhandelt werden. "Für uns wird spannend sein, welches Potenzial wir im Grünwalder Stadion wecken können", sagt Robert Hettich. Nicht jeder will bis nach Heimstetten fahren, da ist ein Stadion mitten in München attraktiver. Und irgendwann, hofft Hettich, soll Türkgücü Fans in ganz Deutschland haben.

Inzwischen sieht es nicht mehr danach aus, als könnte Memmingen noch ein Tor erzielen. Wenn es Chancen gibt, dann für die Heimmannschaft. In der 85. Minute trifft Dominik Weiß nach einem Konter zum 4:2. Noch einmal das Nebelhorn, noch einmal Scooter. Nach dem Spiel laufen die Fans von der kleinen Stehtribüne an den Spielfeldrand. Abklatschen mit allen Spielern. Yilmaz stimmt ein Lied an.

Eine Woche später wird Türkgücü 1:2 beim TSV Buchbach verlieren. Neun Punkte aus fünf Spielen, das ist okay, aber nicht das, was man sich vorgestellt hat. Daraufhin verpflichtet der Verein noch einen Spieler, den zweiundzwanzigsten Neuzugang des Sommers: Ilker Yüksel. Der spielte einmal für die deutsche U16-Nationalmannschaft. Und jetzt für die türkische U21.