Erst mit Ende 30 hat Anna von Boetticher aus Berlin mit dem Tiefseetauchen angefangen, wenige Monate später wurde sie deutsche Meisterin. Früher arbeitete sie in London für Fernsehproduktionen und leitete mit ihrer Mutter einen Buchladen, heute unterrichtet sie Kampftaucher von der Marine und Feuerwehrleute. Hier finden Sie einige Videos von ihren Tauchgängen.

Bis Samstag stoßen sich die besten Freitaucher der Welt im südfranzösischen Villefranche-sur-Mer bei der Apnoe-Weltmeisterschaft in die Tiefe. An diesem Donnerstag fand das Tieftauchen der Frauen mit Flossen statt. Die Japanerin Hanako Hirose tauchte an diesem Tag 101 Meter tief, andere rund 30 Meter. Sie alle wurden gleichermaßen von den Juroren auf der Schwimminsel und den Zuschauerinnen vor dem Bildschirm an Land beklatscht.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie auf dem Weg in die Tiefe? Denken Sie überhaupt an etwas?

Anna von Boetticher: Ich sage die ganze Zeit zu mir: Still, sei still! Bei einem perfekten Tauchgang bin ich wie in einer Blase. Zuerst gilt es, 30 Meter tief zu tauchen, darunter ist die Luft im Körper so komprimiert, dass wir in den freien Fall kommen. Ich schließe die Augen und sinke wie ein Stein. Der Herzschlag verlangsamt sich, ich puste durchgängig Luft für den Druckausgleich in meine Ohren. Hier im Mittelmeer ist es an der Wasseroberfläche 24 Grad warm, dann kommt eine Sprungschicht und von einem Meter auf den anderen wird es 10 Grad kälter, das ist wie eine Ohrfeige. In 60 Metern herrschen nur noch 13 Grad. Die Zeit, je nach Tiefe rund eine Minute, vergeht sehr langsam, sie ist gedehnt. Wenn ich an meiner Meterkarte angekommen bin, höre ich ein kleines Signal im Ohr, ich öffne die Augen, nehme die Karte und dann: Wow. Es ist der beste Moment. Ich sehe die Schönheit des Meeres. Ein unfassbares Erlebnis. Dafür mache ich das alles.

Die Taucherinnen und Taucher müssen sich am Vortag entscheiden, wie tief sie tauchen wollen, ihre Meterzahl geheim auf einen Zettel schreiben und in eine Box der Jury werfen. Erst am Abend werden die Zieltiefen veröffentlicht. Das soll verhindern, dass die Teilnehmer, einmal im Wasser, zu wagemutig werden und doch noch tiefer schwimmen, als sie es aus dem Training gewohnt sind. Oder dass sie sich von den Leistungen der Konkurrenz mitreißen lassen. Die Taucher werden zusätzlich mit einem Karabiner eingehakt, sie können nicht tiefer tauchen als angegeben. Aus der Zieltiefe müssen sie von der Grundplatte eine Karte mit nach oben bringen.

ZEIT ONLINE: Sie hatten sich heute 71 Meter als Ziel gesetzt und sind Achte geworden. Es muss schwer sein, am Vorabend anzugeben, wie viel Meter Sie am nächsten Tag tauchen können.

von Boetticher: Das Wichtigste ist, ehrlich mit sich zu sein und das Ego unter Kontrolle zu halten. Es hilft nichts, das anzukündigen, was ich mir wünsche. Sich realistisch einzuschätzen, ist die wahre Kunst. Ich habe es heute nicht aufs Äußerste angelegt, ich hatte nur einen Monat Zeit, zu trainieren und habe zuletzt viel unter Kopfschmerzen gelitten. Es gibt eine einfache Regel: Don't be an idiot! Sei kein Idiot!

ZEIT ONLINE: Dann kommt das Schwierigste: das Wiederauftauchen.

von Boetticher: Ja, unsere Gefahrenzone ist nicht ganz unten, sondern kurz vor der Oberfläche, da wird der Sauerstoff knapp, der Druck lässt nach. Die ersten Meter rauf sind sehr anstrengend, der Körper ist schwer und mit viel Kraft geht es nach oben. Ich sage mir dann: Du schaffst es, du bist stark. Es ist aber auch ein Naturerlebnis. Hier habe ich beispielsweise viele Quallen mit meterlangen Tentakeln gesehen. Weiter oben sind die Sicherheitstaucher, sie schwimmen mir entgegen, im Notfall holen sie einen ab. Das sind sehr häufig Harpunentaucher, die müssen nicht ganz so weit runterschwimmen, aber es in 30 Metern Tiefe lange aushalten können. Ich bin erst einmal beim Auftauchen kurz ohnmächtig geworden, auf den Bahamas. Ich hatte mich übernommen und bin ohne Flossen 58 Meter tief, meine Bestleistung waren damals 55 Meter, das war zugleich deutscher Rekord. Die drei Meter mehr waren ein zu großer Sprung. In zehn Metern Tiefe wurde mir schwummerig, ich bekam einen Tunnelblick, musste kichern. Einmal an der Luft, ging es mir aber sehr schnell wieder besser.