Florian Schubert ist Politik-, Geschichts- und Sportwissenschaftler und arbeitet als Lehrer in Hamburg. Er forscht seit Jahren zu Rechtsextremismus und Antisemitismus im Fußball und konzipierte die Ausstellung "Tatort Stadion" des Bündnis Aktiver Fußballfans (B.A.F.F.). Kürzlich erschien seine Dissertation zu Antisemitismus im Fußball.

ZEIT ONLINE: Herr Schubert, Sie haben in Deutschland einen Fußballantisemitismus diagnostiziert. Was ist das? 

Florian Schubert: Es gibt kaum jüdische Profis, keine jüdischen Vereine in den obersten Ligen, aber es kommt vor, dass hunderte oder gar mehr Fans zusammen "Judenverein" brüllen. Das geschieht sonst nirgends, noch nicht mal auf Neonazidemos. Das gibt es nur im Fußball.

ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schubert: Ich sehe mehrere: Die meisten Fans fühlen sich nicht angesprochen, dementsprechend werden antisemitische Rufe oft nicht verurteilt. Die umstehenden reagieren nicht. Das Phänomen bleibt bestehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Antiziganismus. Erstaunlich finde ich, dass sich auch Fanszenen beteiligen, die ein rechtes Image von sich weisen. Ich glaube, das liegt daran, dass Antisemitismus die stärkste Ausdrucksform ist, um den Gegner zu erniedrigen. 2005 malten Cottbuser Fans beim Spiel gegen Dynamo Dresden ein Transparent, auf dem stand: "Juden", das "d" war dem Dynamo-Wappen nachempfunden. Es war die Reaktion der Cottbuser Fans auf das Hinspiel, bei dem die Dresdner die Cottbuser "Zigeuner" nannten. Die Cottbuser mussten in ihrer Fanlogik nachlegen und haben den Begriff gewählt, von dem sie denken, dass er noch abwertender ist. Das wurde mir in meinen Interviews immer wieder bestätigt: "Jude" ist die höchstmögliche Abwertung im Fußball.

ZEIT ONLINE: Aber nicht nur da.

Schubert: Was man in der Gesellschaft lernt, das wird im Fußball reproduziert. Und im Fußball wird darüber hinaus die Abwertungskultur anerkannt und stark verteidigt. Immer wieder, auch und vor allem von Fans.

ZEIT ONLINE: Wie wird antisemitisches Verhalten entschuldigt?

Schubert: Meistens kommt so etwas wie: "Das ist eben Fußball." Oder: "Politische Aussagen sind beim Fußball nicht politisch." Manche Vereine verteidigen sich auch so, nicht nur wenn es um Antisemitismus geht. Die Begründung des Schalker Ehrenrates zu Clemens Tönnies Aussagen ist dafür ein aktuelles Beispiel: "Diskriminierung, aber kein Rassismus", das ist doch lächerlich.  

ZEIT ONLINE: Gibt es weitere Ausreden für antisemitische Äußerungen?

Schubert: Ich beobachte, dass man jede Einzelverantwortung von sich weist. Es sieht so aus, dass manche meinen, dass eine antisemitische Beleidigung, je länger sie gerufen wird, weniger antisemitisch wird. Es ist wirklich erstaunlich. Ein Präsident der Offenbacher Kickers sagte mal zu den "Jude, Jude, Eintracht Frankfurt"-Rufen seiner Anhänger sinngemäß: Das kenne ich schon seit meiner Kindheit und deshalb ist es nicht antisemitisch. Gleichzeitig ist das auch eine weitere Strategie: Auf die Tradition zu verweisen, dass etwas schon immer gerufen wurde. "Wir sind provoziert worden" ist auch eine dieser Entschuldigungen. Und von außen gibt es auch Hilfe: Oft werden Fußballfans als stumpf, nicht gebildet und alkoholisiert beschrieben. Damit spricht man sie frei von Selbstverantwortung und Schuld. Als wüssten sie es nicht besser. So nimmt man das Problem aber nicht ernst.

ZEIT ONLINE: Haben Sie im deutschen Fußball ein Problembewusstsein festgestellt?

Schubert: Wenig. Diejenigen, die beispielsweise "Jude" abwertend benutzen, sehen darin offensichtlich kein Problem. Erst wenn Medien berichten und ihr Verein unter Druck gerät, merken sie, dass es problematisch ist. Was aber noch lange nicht heißt, dass sie sich dafür verantwortlich fühlen. Die Mehrheit will sich nicht mit (Anti-)Diskriminierung beschäftigen und hört weg.

ZEIT ONLINE: Und die Verbände und Vereine?

Schubert: Die Verbände sind zwar weiter als noch in den Neunzigern und es gibt Vereine wie den BVB, die als erwähnenswerte Ausnahme genannt werden sollten. Weil der BVB Probleme anerkennt und etwas dagegen unternehmen will. Doch tendenziell wird zu wenig gemacht. Der Nordostdeutsche Verband hat kein gutes Bild abgegeben, als er die antisemitischen Rufe aus dem Cottbusser Block bestrafte, gleichzeitig aber auch Babelsberger Fans, die sich dagegenstellten, sanktionierte. Und für die meisten anderen gilt: Sich den Kampf gegen Antisemitismus in die Statuten zu schreiben, ist das eine, aber es aktiv zu wollen, Initiativen zu stärken, das geschieht noch zu wenig.