Bis eben hatten sie noch gedacht, sie könnten diesen Typen nicht ausstehen. Keine Woche ist es her, dass die New Yorker Daniil Medwedew auspfiffen und nach seinen Siegen buhten. Medwedew war der Anti-Held. Jetzt aber, im Finale der US Open, jubeln sie über seine Punkte noch mehr als über die seines Gegners, Rafael Nadal. Sie können diesen Medwedew einfach nicht mehr nicht mögen. Ein bisschen ist er ja, wie sich ein New Yorker einen New Yorker vorstellt: cool, nicht zu durchschauen.

Gleich der erste Satz hat alles, er dauert über eine Stunde. Nadal, der im ganzen Turnier nur einen Satz verloren hat, macht ungewöhnliche Fehler mit der Vorhand. Medwedew scheint zu gelingen, was er immer versucht: Er macht sein Gegenüber schwächer. Trotzdem gewinnt Nadal den ersten Satz, dann auch den zweiten. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon 2,7 Kilometer gelaufen.

Aber Medwedew, der 23-jährige Russe, gibt keinen Punkt verloren. Er will Nadal zermürben, mit dieser Taktik hat er es in diesem Sommer zu zwei Finalteilnahmen (Montreal und Washington) und einem Turniersieg (Cincinnati) gebracht. Er nimmt in Kauf, dass er sich dabei selbst ausquetscht wie eine Zitrone. Immer noch ist er am ganzen Körper getapt. Dass er in diesem Finale steht, ist ein Wunder, schon im Achtelfinale gegen den Deutschen Dominik Koepfer wollte er aufgeben.

Er hat sich aus dieser Situation befreit wie aus unzähligen anderen misslichen Lagen bei diesem Turnier. Er macht das mit seiner Spielintelligenz, mit der er so manche technische Mängel verdecken kann. Medwedew ist kein kompletter Spieler. Er hat einen exzellenten Aufschlag und eine starke Rückhand. Volleys kann er nicht so, die schaufelt er eher und er spielt die gefühllosesten Stopps unter den Top-50. Trotzdem ist er im Finale, nicht Tsitsipas, nicht Zverev und schon gar nicht Kyrgios, denen dafür die mentale Stärke fehlt.

Man kann dem Spiel in diesen Momenten beim Wachsen zusehen

Irgendwann kommt Medwedew auf die Idee, öfter mit Unterschnitt zu spielen. Nadal weiß nicht so recht, was er mit diesen Bällen anfangen soll. Der Russe hat zwei Breakchancen zum Gewinn des dritten Satzes. Ein Ball Nadals ist zu kurz, Medwedew rückt vor, er stöhnt einmal laut auf und hämmert den Ball mit der beidhändigen Rückhand ins Eck. Im Arthur-Ashe-Stadion, der größten Tennisarena der Welt, reißt es alle von den Sitzen, so laut haben die Zuschauer in diesem Jahr noch nicht gejubelt. Es ist der endgültige Schulterschluss zwischen den New Yorkern und Medwedew.

Man kann dem Spiel in diesen Momenten beim Wachsen zusehen, es wird immer größer, bis es zu einem der größten Grand-Slam-Finals der Geschichte wird – und Medwedew wächst gleich mit. "Vielleicht ist das gerade die Geburt eines neuen Superstars", sagt Boris Becker in seiner Rolle als Experte beim TV-Sender Eurosport. Mit zwei fast unmöglichen Passierbällen überrumpelt Medwedew den ans Netz gesprinteten Nadal und holt sich den vierten Satz. 2:2. Einmal pfeifen die Zuschauer Nadal sogar aus, weil er vor einem Aufschlag Medwedews mal wieder ewig braucht. Dem Spanier entgleitet dieses Spiel, er wird es verlieren, wenn er nicht aus seinem emotionalen Tief kommt. Bei einem Punktgewinn brüllt er los, er braucht die positiven Gefühle zurück. Auf der Tribüne springt seine sonst so ruhige Frau Xisca Perelló auf. Medwedews Frau Daria sitzt dagegen einfach da, als gehe sie das alles nichts an. Auch aus Medwedew bricht es während der gesamten Partie nicht heraus wie aus Nadal. Medwedew dreht emotional nicht auf, nur so kann er sicher sein, auch nicht zu überdrehen.