Es war schnell zu erkennen, wie der Abend laufen würde. Mit der Sekunde des Anpfiffs geriet die deutsche Nationalmannschaft in die Defensive. Es dauerte fast fünf Minuten, bis ein deutscher Spieler erstmals den Ball in der gegnerischen Hälfte berührte. Kurz berührte, um genau zu sein, denn Serge Gnabry lief sogleich mit ihm zurück auf die andere Seite und verlor ihn.

Fünf Minuten ohne Ballbesitz in der Angriffshälfte, das ist im Fußball eine Ewigkeit. In diesem ungleichen Duell waren es stets die Holländer, die Ball, Spiel und Gegner kontrollierten. Mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie es, wenn schon nicht mit einem Fußballzwerg, so doch mit einem zweitklassigen Team zu tun.

Technisch gut, mutig und initiativ: Die Holländer spielten im Rückspiel der EM-Qualifikation das, was man von Jogi Löws Team erwartet hatte – und er selbst eigentlich auch. 4:2 für Holland, das war am Ende ein gnädiges Ergebnis. Die deutsche Elf erwies sich bisweilen als bizarr unterlegen. Bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr Titelkandidat zu sein: Darauf, dass sie diesem selbst formulierten Anspruch gerecht werden könnte, deutete am Freitag Abend wenig hin.

Gnabry rührt den Ball geschickt hinein

"Heute haben wir unter unserem technischen Niveau gespielt", gab Löw nach dem Spiel zu. Dabei sah es, zumindest was das Ergebnis angeht, lange Zeit erstaunlich gut aus. Nach einem exakten langen Pass von Joshua Kimmich ging Deutschland mit 1:0 in Führung. Lukas Klostermann, bei dem der Kimmich-Pass landete, verlor auf dem Weg zum Tor zwar zunächst viel Tempo. Und er lief auch eher gegen den Ball, als dass er schoss, sodass der holländische Torwart parierte. Den Abpraller aber rührte Serge Gnabry doch noch geschickt hinein.

Dieses Tor offenbarte Hollands einzige große Schwäche. Die Abwehr verhielt sich leichtfußhaft, holländische Tradition eben. Ein Pass aus der anderen Hälfte, wie Kimmich ihn spielte, sollte eine Viererkette nicht dermaßen entblößen. Vor allem keine, in der Virgil van Dijk steht, Europas Fußballer des Jahres.

Die holländische Defensive war also antastbar. Nur folgte daraus nichts. Die deutsche Elf vergrub sich tief in der eigenen Hälfte und konnte nie ihr Spiel aufbauen. Das Zentrum überließ sie den Holländern, die phasenweise mehr als 70 Prozent Ballbesitz hatten.

Selbst Konter waren selten. Einen der wenigen schloss Gnabry direkt ab. Nur war er dabei viel zu weit vom Tor entfernt. Es war eine Szene, wie sie der Fußballfan sonst nur aus der ersten Pokalrunde kennt, wenn Dorfvereine jede noch so kleine Chance gegen die Profis ergreifen wollen.

Dennoch ging das Publikum begeistert mit und bejubelte auch den winzigsten Erfolg ihrer Mannschaft. Einmal wurde es im Stadion laut, als Klostermann mit dem Rücken zum Einwurf klärte. Die Hamburger Zuschauerinnen und Zuschauer müssen aus irgendeinem Grund in Sachen Spitzenfußball ausgehungert sein.