Joachim Löw gab den Freunden des schönen und modernen Fußballs vorläufige Entwarnung. Er werde gegen Nordirland "mit zwei statt drei Innenverteidigern" spielen, sagte er in der Presserunde am Sonntag in Belfast. Der Gegner verfüge nicht über "die Offensivpower" wie Holland. Gut so.

Am vorigen Freitag war seine Elf mit der neuen Formation von drei Innenverteidigern den Niederländern weit unterlegen. Vier Tore kassierte sie, trotz dieser Rechnung: drei Innen- plus zwei Außen- macht insgesamt fünf Verteidiger. Exakt die Hälfte seiner Feldspieler bestand aus Abwehrspielern.

Fünf oder vier? Das klingt nach einem Detail, in Wahrheit geht es jedoch um einen starken Eingriff in die Struktur der Mannschaft. Mit fünf Verteidigern spielte Deutschland früher immer, zuletzt dauerhaft bei der EM 2000. Damals nannte man sie noch Manndecker, sie waren fürs Grobe zuständig. Hinter ihnen räumte der Libero auf, meist ein feinerer, bisweilen auch älterer Fußballer. Anschließend wurde der – in Deutschland mit großer Verspätung und gegen Widerstände – wegrationalisiert. Zeitgemäße Abwehrspieler brauchen keine Absicherung und Arbeitsteilung mehr.

Die Waffe des Kleinen

Leider erleben die Achtziger und Neunziger im deutschen Fußball ein Revival. In der Bundesliga seit ein paar Jahren, seit diesem Jahr auch in der Nationalmannschaft, in beiden Duellen mit den Niederlanden etwa. Es soll eine taktische Variante sein, doch ist es nichts anderes als das Eingeständnis von Schwäche. Irgendwie, sagt sich der Trainer, bekomme ich den Laden hinten nicht mehr dicht, also beordere ich einen Mann zurück. Das ist die Waffe des Kleinen. Das ist Kapitulation.

Was passiert, wenn man fünf Mann verteidigen lässt, sah man in beiden Spielen gegen die Niederlande. Beide Male schauten die Deutschen vor allem zu, beide Male reagierten sie nur. Schon beim 3:2-Erfolg in Amsterdam im März gab Löw sein Mittelfeld auf diese Art preis. In der sehr schwachen zweiten Halbzeit erblasste die deutsche Elf in völliger Passivität. Holland glich die 2:0-Führung der Deutschen, durch Kontertore erzielt, schnell aus und stand kurz vor dem Siegtreffer. Den Deutschen gelang nach der Pause ein einziger Angriff, und der war drin. Ein Glückssieg.

Bei der 2:4-Niederlage in Hamburg wurden die Schwächen noch offensichtlicher. Es spielte nur eine Mannschaft, die Niederländer. Die deutsche Elf überließ ihnen Ball und Initiative und versuchte es fast ausschließlich mit schnellen Gegenangriffen über einen der drei schnellen Stürmer. Der lange Pass signalisierte ihnen: Gute Reise und viel Glück da vorne! Wie Drochtersen/Assel gegen Bayern München.

Dass dieses Konzept überhaupt zu zwei Toren genügte, davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Oranje verteidigt nicht besonders. Auf Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte verzichteten die Deutschen weitgehend, dabei ist der das wichtigste Mittel der Gegenwart. Erst als Löw einen Abwehrspieler aus- und einen Mittelfeldspieler einwechselte, spielte Deutschland mit.

Es mag noch andere Gründe für die Dominanz der Niederländer gegeben haben, doch der wichtigste war die deutsche Unterzahl im Zentrum des Spielfelds. Ist ja ganz einfach: Der zusätzliche Abwehrmann fehlt vorne oder in der Mitte, und gute Gegner nutzen diese Überzahl zu einem Übergewicht. Löws Argument, das er nach der Niederlage anbrachte, zählt nicht. Er sagte, dass seine beiden Außenverteidiger "nach vorne pendeln" sollten, also mitstürmen. Doch das sollen sie in einer Viererkette auch.