"Zigarettenrauch gehört nicht zur Fußballkultur" – Seite 1

Siegfried Ermer ist Vorstandsvorsitzender von Pro rauchfrei e. V., Deutschlands größtem Nichtraucherverband. Die Initiative setzt sich für ein Rauchverbot in Fußballstadien ein. Bislang sind drei Bundesliga-Stadien komplett rauchfrei (FC Bayern, Bayer Leverkusen, TSG Hoffenheim), in den meisten anderen gibt es zumindest rauchfreie Blöcke.

ZEIT ONLINE: Herr Ermer, warum sind Ihnen rauchfreie Fußballstadien wichtig? 

Siegfried Ermer: In unserem Verband haben wir viele Leute, die öfter ins Stadion gehen, manche haben sogar eine Dauerkarte. Und die sagen: Da haben wir ein Problem. Wie bei etlichen Open-Air-Veranstaltungen, etwa Konzerten, wo viele Menschen auf begrenztem Raum zusammen sind. Wir finden, dass wir auch hier tätig werden und unsere Kraft dafür einsetzen müssen, dass die Nichtraucher, die in der Mehrheit sind, ein Recht auf Schutz haben. 

ZEIT ONLINE: Aber ein Stadion ist doch offen, verflüchtigt sich der Qualm dort nicht? 

Ermer: Das kommt auf die Bauweise des Stadions an. Wenn es sehr steil gebaut ist, zieht der Rauch nach oben, dort ist das Problem dann größer. Auch das Wetter ist relevant. Wenn es eine Inversionswetterlage gibt, also die obere Luftschicht auf die untere drückt, oder bei Windstille, verflüchtigt sich der Qualm kaum. Zudem sitzen oder stehen die Besucher meist sehr eng beieinander, da hilft auch ein offenes Stadion nichts.

ZEIT ONLINE: Das ist dann tatsächlich gesundheitsgefährdend? 

Ermer: Grundsätzlich ist jeder Rauch schädlich. Man kann also sagen: Sobald Sie was riechen, ist das nicht gut für Sie. Dieses Geruchsensorium haben wir von der Natur mitbekommen. Wenn Sie Rauch riechen, dann denken Sie normalerweise an Feuer. Ein Warnsignal also. Dann gilt es, Schutz zu suchen. Die Frage ist natürlich, wie der einzelne Körper Zigarettenqualm verarbeitet. Das ist bei jedem unterschiedlich. Aber besonders für Kinder ist er problematisch, weil ihre Organe noch nicht ausgewachsen sind. Und in Fußballstadien, so scheint es mir, gehen auch immer mehr Kinder. 

ZEIT ONLINE: Fußball ist ja immer noch eine sehr archaische Angelegenheit. Für viele eine Flucht aus dem Alltag. Verstehen Sie es, wenn Leute sagen: Dort will ich nicht auch noch im Übermaß reglementiert werden. 

Ermer: Wenn die Gesellschaft sich nicht bekriegen soll, muss man aufeinander zugehen. Die Nichtraucherin hat keine Waffe, der Raucher schon, die Zigarette. Klar kann man sagen: Rauchen ist nicht verboten, dann muss der andere das halt ertragen. Aber der Bundesgerichtshof hat, Gott sei Dank, festgestellt: Rauchen ist nicht nur Belästigung, sondern auch gesundheitsgefährdend. 

ZEIT ONLINE: Aber gehört ein Hauch Zigarettenduft in der Nase nicht irgendwie zum Kulturerlebnis Stadionbesuch? 

Ermer: Über Kultur kann man streiten. Ich denke nicht, dass Zigarettenrauch zur Fußballkultur gehört. Übrigens gibt es auch bei einer EM ein Rauchverbot, das hat die Uefa schon vor Jahren eingeführt. Die Premier League in England hat auch eins, Barcelona und Madrid ebenso. 

"Ehe Uli Hoeneß dazwischenging"

ZEIT ONLINE: Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Fans? 

Ermer: Bisher vor allem positive. Mein Kollege ist Mitglied beim FC Bayern. Er hat das Thema einmal auf der Mitgliederversammlung angesprochen, da wurde er ausgepfiffen und ausgelacht, ehe Uli Hoeneß dazwischenging. Wir haben dann nicht lockergelassen und ein paar Jahre später einen neuen Anlauf gewagt. Da hatte Uli Hoeneß schon im Vorfeld signalisiert, sich für das Thema einzusetzen. Mittlerweile gibt es in der Allianz Arena ein wirklich vorbildliches Rauchverbot. 

ZEIT ONLINE: Sie gehen auf die Vereine zu? 

Ermer: Genau. Wir überlegen mit den Vereinen, die Verständnis für das Thema haben, was man tun kann. Mit Bayern München haben wir natürlich ein tolles Vorzeigeprojekt. Aber wir haben auch noch viel Arbeit. St. Pauli oder Union Berlin sind reine Raucherstadien. 

ZEIT ONLINE: In den meisten Stadien gibt es zumindest schon einzelne rauchfreie Blöcke. Ist das für Sie ein guter Kompromiss? 

Ermer: Es ist ein Anfang, kein Kompromiss. Durch die rauchfreien Blöcke können die Stadionbesucher immerhin mal probieren, wie es ohne Rauch ist. Und die Vereine können feststellten, dass diese Blöcke häufiger gebucht werden, gerade wenn das Stadion nicht voll ist. Familien zum Beispiel zieht es mehr dahin. Es kommt aber auch darauf an, wo diese Blöcke sind, manche behandeln uns da immer noch als Schmuddelkinder und platzieren uns in die schlechteste Ecke. 

ZEIT ONLINE: Rein praktisch gesehen: Ist es nicht so gut wie unmöglich, ein rauchfreies Stadion durchzusetzen? 

Ermer: Nur weil man die Einhaltung von Gesetzen nicht immer gewährleisten kann, kann man doch nicht sagen: Das brauchen wir nicht. Sonst hätten wir Anarchie. Wir brauchen in allen Bereichen Regeln für ein vernünftiges Zusammenleben. Das hat nichts mit Verboten zu tun, sondern mit dem Ziel, die Schwächeren zu schützen. Und das ist in diesem Fall der Nichtraucher, das Kind, die schwangere Mutter. 

ZEIT ONLINE: Was machen wir mit dem süchtigen Raucher? Der hat ja de facto Stadionverbot. 

Ermer: Na ja, auf einem Flug über den Atlantik bekommt er es auch irgendwie hin. Da wird er auch zwei Stunden im Stadion schaffen.