Luca Waldschmidt kann es auf sehr verschiedene Arten. Das bewies er als Torschützenkönig der zurückliegenden U21-Europameisterschaft. Sagenhafte sieben Treffer gelangen ihm und keiner war wie der andere. Einmal überwand er den Torwart aus dem Sprint mit einem geschmeidigen Lupfer, ein anderes Mal traf er nach einem Alleingang, bei dem er zwei Serben links liegen ließ. Ein Tor erzielte er mit dem schwachen rechten Fuß, im Halbfinale gegen Rumänien verwandelte er je einen Freistoß und Elfmeter. Standards beherrscht er also auch.

Sein schönstes Tor beim Turnier in Italien und San Marino war der Distanzschuss zum 1:0 gegen Österreich, ein präziser Pfeil aus dreißig Metern, der in der Sportschau zum Tor des Monats gewählt wurde.

Bis zu diesem Sommer war der Name Waldschmidt international unbekannt. Nun ist der 23-jährige Freiburger Stürmer auch für Vereine aus dem Ausland interessant geworden. Um Waldschmidt ist ein kleiner Hype entstanden, der durch die erstmalige Berufung in die deutsche Nationalmannschaft verstärkt wird.

Die bestreitet an diesem Freitag gegen Holland und am Montag in Nordirland zwei Qualifikationsspiele für die EM 2020. "Bei der U21-EM", sagt Joachim Löw, "hat mich Luca auf der Position, wie er sie interpretiert hat, sehr überzeugt".

Waldschmidt ist vielseitig und er hat kaum Schwächen. In allen Dingen, die einen Stürmer ausmachen, ist er gut: Technik, Dribbling, Abschluss, auch Kopfball, Passspiel. Er ist zudem engagiert, fleißig und überzeugt durch Teamgeist. Würde Löw Zeugnisse ausstellen, Waldschmidt hätte in den meisten Fächern 2er, die Kopfnoten wären womöglich noch besser.

Seine Nominierung ist wohl auch dem Zeitgeist geschuldet, Löw spricht von einem ganz neuen Zyklus, einem Umbruch, bei dem er auf Spieler mit Perspektive vertraut: "Ich spüre eine Aufbruchstimmung bei uns, einen neuen Spirit." Und die Chance für Waldschmidt auf wenigstens einen Kurzeinsatz steht nicht so schlecht. Löw sucht noch nach der Idealbesetzung in der Offensive. Leroy Sané wird noch lange verletzt sein, Timo Werner hat nicht viele gute Länderspiele gemacht, Marco Reus ist verletzungsanfällig und auch schon 30, Thomas Müller wurde aussortiert. Nur Serge Gnabry hat von Löw, etwas überraschend, am Donnerstag eine Stammplatzgarantie erhalten.

Was auch für Waldschmidt spricht, ist seine Flexibilität. Manchmal spielt er im Sturmzentrum, manchmal etwas zur Seite oder nach hinten versetzt. "Er ist ein Spieler, der gut zwischen den Linien agieren kann", sagt Löw.

Mit dem HSV stieg er ab

Waldschmidt wurde in der mittelhessischen Region Dillenburg groß. Schon sein Vater Wolfgang war ein Zweitligaprofi und danach lange eine lokale Größe. Nun zitiert die Lokalzeitung seit Wochen stolze Leserinnen und Leser, die nicht selten den gleichen Nachnamen tragen. Sie alle schwärmen von Luca, dem eleganten Linksfuß. Dabei ist in seiner Heimat, etwa in seinem ersten Verein Oranien Frohnhausen, traditionell der rustikale Fußballtyp gefragt. Auch das rollende "r", das die Menschen im Lahn-Dill-Kreis auszeichnet, hat sich Waldschmidt abgewöhnt.

Seinen Durchbruch schaffte Waldschmidt auch nicht in Hessen, denn Eintracht Frankfurt ließ ihn, als er 20 war, nach Hamburg ziehen. Den HSV bewahrte er einmal mit einem Tor kurz vor dem Saisonende vor der Zweitklassigkeit, ein Jahr später allerdings stieg der Verein mit Waldschmidt erstmals aus der Bundesliga ab. Er wechselte zum SC Freiburg, wo er in der Vorsaison neun Tore erzielte, obwohl er nur etwa in jedem zweiten Spiel in der Startelf stand.

Nun soll ihn nicht nur Benfica Lissabon im Visier haben. Doch ist Luca Waldschmidt für die ganz großen Aufgaben geeignet? Ist er stark genug, in der deutschen Nationalmannschaft eine Größe zu werden, wenigstens ein verlässlicher Joker?

Im Finale gegen Spanien war nicht viel zu sehen

Bei allem Lob, das er von Löw erhält, muss man auch wissen, dass Bundestrainer gerade auf den Kaderplätzen der zweiten Reihe auch ab und an Symbolpolitik betreiben. Berufungen in die Nationalmannschaft sind manchmal allgemeine Verdienste. Die von Waldschmidt, der von derselben Agentur beraten wird wie Toni Kroos, ist auch ein Dank für dessen Einsatz in den DFB-Nachwuchsteams. Sie ist auch eine Würdigung für den SC Freiburg, der selten Nationalspieler hervorbringt, und dem deutschen Fußball doch so viel gibt. Etwa den nächsten DFB-Präsidenten.

Die Frage nach der Zukunft des Nationalspielers Luca Waldschmidt bemisst sich freilich an einer rein sportlichen Frage: Kann er in einem EM-Halbfinale bestehen? Auch darauf gab das U21-Turnier eine vorsichtige Antwort. Im Endspiel gegen Spanien, also auf dem höchsten Niveau, hatte Waldschmidt kaum eine Aktion. Deutschland verlor. Er ist zwar in allem gut. Doch will er das deutsche Nationaltrikot noch häufiger tragen, muss er sich noch verbessern, etwas Außergewöhnliches hat er noch nicht ausgebildet.