Warum Deutschland ein Torhüterland ist, und zwar schon seit immer, das müsste noch einmal ausführlich erforscht werden. Es gibt verschiedene Ausgangsthesen: Das deutsche Bedürfnis nach Sicherheit habe solch einen Sportlertypus hierzulande groß werden lassen, während er in anderen Ländern eher vernachlässigt wird, sagen manche. Und weil es schon früh gute deutsche Schlussmänner gab, sagen andere, wurden die Vorbild für neue: Toni Turek, Sepp Maier, Oliver Kahn, Manuel Neuer und die vielen, vielen, ja wirklich sehr vielen anderen. Keine andere Nation hat so viele herausragende Torhüter hervorgebracht wie Deutschland. Nicht nur im Fußball übrigens.

Deswegen ist die Diskussion, die sich gerade um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen entspannt, im Grunde völlig egal. Außer natürlich Marc-André ter Stegen, der enttäuscht ist, dass er nicht spielte, was wiederum Manuel Neuer enttäuschte, und dann war ter Stegen enttäuscht über Neuers Enttäuschung. Beide halten sich für den besseren Torwart, wollen die Nummer eins der Nationalelf sein. Befeuert wird die Debatte nun durch ein gutes Spiel von ter Stegen mit dem FC Barcelona bei Borussia Dortmund inklusive eines gehaltenen Elfmeters und gehaltenen Fünfmeters und so weiter.

Ter Stegens Pech

Eigentlich ist es ganz einfach: Beide sind gut. Richtig gut. Beide sind so viel besser als die meisten anderen, dass es keine Rolle spielt, wer von beiden im Tor steht. Allein die Tatsache, dass so schwer auszumachen ist, wer denn nun besser ist, sollte zeigen, dass sich Neuer und ter Stegen nur in solch feinen Nuancen unterscheiden, dass eine Entscheidung für den einen oder anderen kaum Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Platz haben dürfte. Klar, auf höchsten Niveau kommt es auf jede Kleinigkeit an und gute Torhüter  können Spiele allein gewinnen, vielleicht sogar auch ganze WM-Turniere. Aber wer von zwei herausragenden Torhütern die Spiele allein gewinnt, könnte am Ende egal sein.

Oder auch nicht, gemessen an den Schlagzeilen der vergangenen Tage. Über kaum etwas diskutiert dieses Land so gerne wie über seine Schlussmänner. Weil es so schön einfach ist. Torhüterleistungen lassen sich im doch recht komplexen Fußballspiel am einfachsten extrahieren. Ob jemand einen Ball fangen kann oder nicht, erkennt auch der Laie. Das taktisch anspruchsvollere Spiel der Feldspieler zu bewerten, ist schon schwieriger. Zu den Torhütern hat daher jeder eine Meinung. Manche sehen ter Stegen vorn, andere Neuer. Zu Letzteren zählt auch Löw. Ter Stegen hat also das Pech, zur selben Zeit Bälle halten zu wollen wie Manuel Neuer. In jedem anderen der 210 Fifa-Mitgliedsverbände wäre ter Stegen die Nummer eins. Das ist tragisch für ihn, aber kein Problem fürs Fußballland.

Die Aufregung um die Schlussmänner könnte man vernachlässigen, wenn sie nicht ablenken würden von den tatsächlichen Problemen des deutschen Fußballs. Aktuell handelt es sich nämlich bei der DFB-Elf um einen in der WM-Vorrunde ausgeschiedenen Gruppenletzten im Neuaufbau. Eine Elf, die gerade von den Niederlanden fürchterlich zerzaust wurde und von der man nicht so recht weiß, wie sie bei der EM im kommenden Jahr die Ansprüche erfüllen soll.

Joachim Löws Mannschaft ist im Grunde eine einzige Baustelle: Die Innenverteidigung wackelt, die Außenverteidiger sind zwar schnell, aber technisch beschränkt, dem zentralen Mittelfeld entgleitet häufig die Spielkontrolle und die Offensive ist hochbegabt besetzt, wirkt aber noch immer etwas unkoordiniert. Nur im Tor ist alles okay. Aber auch nur da.

Die Diskussion um Neuer und ter Stegen erinnert deshalb an ein Auto, an dem das Fahrgestell wackelt, der Motor stottert und das Getriebe knirscht, aber nur überlegt wird, welche Reifen wohl die schnellsten wären. Nein, im Tor hatten die Deutschen noch nie ein Problem. Das war schon immer so. Und das wird es auf absehbare Zeit auch so sein.