Kurz vor Ende des Jahres 2015 gab Nicolas Kühn in einer Küche im Hamburger Westen das erste Interview seiner Karriere. Er hatte einen Teil der Weihnachtstage bei seinem Vater verbracht und sein 16. Geburtstag stand an. Sein Geburtsdatum, der 1. Januar 2000, hat ihm den Beinamen Millennium-Kid eingebracht. Die Bild-Zeitung nannte ihn "Superbubi", seitdem er im Sommer aus dem Leistungszentrum von Hannover 96 auf den brandneuen Campus von RB Leipzig gewechselt war, der damals als wegweisend für die deutsche Nachwuchsarbeit galt.

Knapp vier Jahre später wird wieder über Kühn berichtet. Am Freitag wird er in Hamburg mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold als bester U19-Spieler Deutschlands ausgezeichnet. "Es freut mich sehr, da es die höchste Anerkennung ist, die in Deutschland einem Talent verliehen wird", sagt Kühn zu ZEIT ONLINE. "Seit der U15 war ich immer Teil der Juniorennationalmannschaften und die Verantwortlichen beim DFB kennen meine Fähigkeiten und meine Persönlichkeit genau."

Doch Kühn spielt inzwischen im Ausland. Weil er mit dem, was er kann, in Deutschland irgendwann nicht mehr weiterkam. Vor eineinhalb Jahren wechselte er von Leipzig nach Ajax Amsterdam, wo er für die zweite Mannschaft, die Jong Ajax heißt, aufläuft. In der Vorsaison verfolgte er den Triumphzug der nur wenig älteren Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt durch die Champions League aus nächster Nähe. "Während der Gruppenphase haben wir parallel mit der U19 in der Youth League gespielt, sodass wir auch bei den Auswärtsspielen dabei waren."

Statement gegen die eigene Nachwuchsarbeit

Auch der zweite Gewinner der Fritz-Walter-Medaille beim männlichen Nachwuchs kommt in diesem Jahr nicht aus einem deutschen Leistungszentrum. Der U17-Spieler Karim Adeyemi ist aktuell von RB Salzburg an sein Ausbildungsteam Liefering ausgeliehen. Die Entscheidung der Jury wirkt wie ein Statement gegen die eigene Nachwuchsarbeit, wie ein Eingeständnis.

Galt das Nachwuchskonzept des DFB noch vor Kurzem als Nonplusultra in Europa, ist es spätestens nach dem frühen Ausscheiden der Nationalelf bei der WM 2018 in Verruf geraten. Wurde vorher die taktische Reife und das Kombinationsspiel des deutschen Nachwuchses gelobt, heißt es nun, es fehlten der Individualismus und das Durchsetzungsvermögen.

"Wir haben bewusst Spieler nominiert, deren Fähigkeiten in Deutschland zuletzt stark vermisst wurden und die in dieser Ausprägung nur selten zu finden sind", sagt der Cheftrainer der deutschen U-Nationalmannschaften Meikel Schönweitz. "Außerdem haben wir sehr darauf geachtet, dass die Spieler Verantwortung übernommen haben, als es zählte. Dass sie vorangegangen sind und mit ihrer Dynamik sowie ihrem Spielstil den einzelnen Mannschaften guttun."

Inzwischen denkt man in Leipzig anders

Gefragt sind jetzt dynamische Tempodribbler wie Serge Gnabry und Leroy Sané, aber auch Spieler, die auf dem Platz eigenständig entscheiden können, was ihrer Mannschaft guttut. Kühn vereinigt diese Eigenschaften, kann sowohl als Außenstürmer als auch als "10er" eingesetzt werden. Im überorganisierten Ausbildungssystem des DFB konnte er diese Fähigkeiten nicht wie gewünscht weiterentwickeln. Schon gar nicht in Leipzig mit der dortigen Ausrichtung auf das laufintensive Gegenpressing.

"In Leipzig hatte ich nicht das Gefühl, dass die Spielidee zu meiner Art von Fußball passt und auch, dass ich oben direkt eine Chance bekommen werde", sagt Kühn. Als "schlechteste Mannschaft seit sechs Jahren" bezeichnete der damalige RB-Sportdirektor Ralf Rangnick die U19.

Inzwischen denkt man in Leipzig, aus dessen Akademie sich bislang noch kein Spieler bei den eigenen Profis durchgesetzt hat,  anders: "Wir legen einen noch stärkeren Fokus auf die individuelle Förderung", sagte Sebastian Kegel, einer der beiden neuen Nachwuchsleiter dem Sportbuzzer. Diese Entwicklung, den Spieler und seine Bedürfnisse in den Vordergrund zu rücken, habe vor ein oder zwei Jahren begonnen.