Die Deutschen sind schon Sonderlinge. Während sich momentan fast die ganze Welt auf das größte Sportereignis dieses Jahres freut, wissen hierzulande die meisten gar nicht, was überhaupt gespielt wird. Zur Beruhigung: Nein, es ist keine Fußball-EM oder WM. Es geht um die Rugbyweltmeisterschaft.

Von Freitag an erwartet das Gastgeberland Japan über sechs Wochen bis zu 1,8 Millionen Besucher, drei Milliarden werden am TV zuschauen. Auf allen Kontinenten wird die WM verfolgt, auch in Deutschlands Nachbarländern, allen voran in Frankreich. Die Deutschen aber werden eher nicht hinschauen. Als Rugby zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit immer populärer wurde, verschwand es in Deutschland in einer Nische, aus der es bis heute nicht mehr rausgekommen ist.

Mal abgesehen vom Fußball hat es in Deutschland jede Sportart schwer. Kaum ein anderes Land leistet sich solch eine sportliche Monokultur: Der Deutsche bleibt dem Fußball auf ewig treu. Besonders hart trifft diese Ignoranz das Rugby. Der nationale Verband hat gerade einmal knapp 16.000 Mitglieder.

Das ist beinahe tragisch, denn die Deutschen wissen gar nicht, was sie verpassen: einen Sport, von dem Laien wissen, dass sie ihn nie ausprobieren wollen, weil ihnen der existenzielle Kampf der Spieler ein bisschen Angst macht. Und trotzdem begeistert Rugby jeden schon beim ersten Hinsehen, weil die Mischung aus taktischer Disziplin, Geschwindigkeit und aufopferungsvoller Hingabe eben so einzigartig ist. Noch im Fallen werden die unmöglichsten Pässe gespielt. Man kann erkennen, wie sich nicht das stärkste, sondern das am besten zusammenarbeitende Team in einem Gedränge nach vorne arbeitet. Oder wie manchmal mit einem einzigen, so riskanten wie präzise geschossenen Ball (mit den Händen darf nur rückwärts gepasst werden) die gesamte Verteidigung überspielt wird.

Vordergründig ist Rugby ein einfacher Sport, in dem es darum geht, sich an den Gegnern vorbeizukämpfen wie Obelix durch die Römer und ein großes Ei ins gegnerische Malfeld (die Zone, in der der Ball abgelegt werden muss) zu tragen. Andererseits ist es ein komplexer, vielschichtiger Sport. Rugby ist schnell, die schnellsten Spieler rennen die 100 Meter in etwa elf Sekunden. Eine gute Aktion in der Verteidigung ist oft der beste Weg, um selbst zu punkten. Um erfolgreich zu sein, braucht es gleichzeitig ein diszipliniertes Auftreten aller Spieler, auch der größten Stars. Selbst die dürfen sich in der Defensive keine Pause gönnen, weil sonst die Verteidigungslinien kollabieren.

"Ein Sport für jeden Körper"

Überhaupt ist Rugby ein egalitärer Sport. Große, Kleine, Dicke und Dünne spielen gemeinsam. Keiner ist per se schlechter als der andere, nur weil er kleiner oder schmächtiger ist. "Rugby ist ein Sport für jeden Körper", sagt Alexander Widiker, Deutschlands Rekordnationalspieler.

In Deutschland glauben trotzdem noch viele, dass sich im Rugby halt ein paar Raufbolde gegenseitig wehtun. Mehr nicht. "Es fällt uns schwer, uns öffentlich positiv zu präsentieren", sagt Widiker, der gemeinsam mit Mark Kuhlmann die deutsche Nationalmannschaft interimsweise für die nächsten beiden Spiele trainiert. Es stimmt zwar, dass Gewalt beim Rugby eine entscheidende Rolle spielt; da man den Ball in die Hand nehmen darf, lassen sich Angriffe nur durch starken Körpereinsatz, die sogenannten Tackles, stoppen. Es ist aber nicht entscheidend, besonders gewalttätig zu sein, sondern die eigene Kraft kontrolliert einzusetzen. Tackles über den Schultern oder am Kopf sowie Beinstellen sind verboten. Letztlich geht es darum, den Ballführenden aufzuhalten, nicht darum, den Gegenspieler zu verletzen – auch wenn schwere Nackenverletzungen dennoch immer wieder vorkommen.