Mike Franke, 27, war Schiedsrichter im Hamburger Amateurfußball. Vor vier Jahren wurde er nach einem Spiel angegriffen, heute hat er seine Karriere beendet.

ZEIT ONLINE: Herr Franke, am 4. September 2015 wurden Sie als Schiedsrichter des Amateurspiels Bramfeld gegen Dersimspor nach Abpfiff von einem Gästespieler, der als Zuschauer anwesend war, schwer angegriffen. Wie konnte das passieren?

Mike Franke: Der Anlass war nichtig: Er war mit meiner Entscheidung, ein Foulspiel der Heimmannschaft mit der gelben und nicht der roten Karte zu ahnden, nicht einverstanden. Auf dem Weg in die Kabine pöbelte er, mein Assistent ließ sich leider darauf ein. Daraufhin hab ich meinen Assistenten gepackt. Kurz darauf spürte ich zwei harte Tritte in die Kniekehlen. Ich ging zu Boden, dann schlug der Zuschauer mir zweimal ins Gesicht. Ich wurde bewusstlos. Er war ein halbprofessioneller Kickboxer, es hätte noch schlimmer kommen können.

ZEIT ONLINE: Was hat die Attacke körperlich mit Ihnen gemacht?

Franke: Ich musste ins Krankenhaus, mein rechtes Auge zitterte noch Monate danach.

ZEIT ONLINE: Was waren die psychischen Folgen?

Franke: Die waren generell viel schlimmer. Das kann nur wissen, wer Opfer von brutaler Gewalt wurde. Nach dem Angriff ging ich eine Zeit lang abends nicht mehr vor die Tür, das Spiel hatte ja in der Dunkelheit stattgefunden. Ich verlor deutlich an Gewicht. Darüber reden fiel mir auch schwer. Letztlich haben mir die Gespräche mit einem guten Freund sehr geholfen. Und eine Therapie.

ZEIT ONLINE: Haben Sie alles überwunden?

Franke: Gut verarbeitet. Überwunden nicht. Es kommt immer wieder hoch. Das Thema wühlt mich noch auf. Aber inzwischen komme ich klar.

ZEIT ONLINE: Wie war das, als Sie das erste Mal wieder ein Spiel leiteten?

Franke: In Rücksprache mit meiner Therapeutin stieg ich ein halbes Jahr später wieder ein, und zwar ganz bewusst in Bramfeld. Der Vorfall war in Hamburg bekannt, ich erhielt viel Zuspruch, auch vom Trainer der Heimmannschaft. Während des Spiels sagte er mir dann: "Wenn Sie so pfeifen, ist das kein Wunder, dass sowas passiert." Das war ein weiterer Schlag in die Fresse.

ZEIT ONLINE: Sie waren vor dem Angriff gerade zum Assistenten in der Jugend-Bundesliga aufgestiegen. Warum pfeifen Sie heute fast gar nicht mehr?

Franke: Als Schiedsrichter bin ich nie wieder auf die Beine gekommen. Ich habe es noch mal zwei Jahre lang versucht. Doch ich konnte nicht mehr angstfrei aufs Feld gehen, ich spürte immer den Drang, mich umzudrehen. Ich wurde schließlich von hinten angegriffen. Früher hab ich es immer geliebt, doch plötzlich fühlte es sich komisch an, Schiedsrichter zu sein. Ich verlor die Lust. Heute assistiere ich ab und an meinem Schwager an der Linie oder springe gelegentlich bei einem Jugendspiel ein, wenn der offizielle Schiri nicht kommt.

ZEIT ONLINE: In Berlin und im Saarland streikten jüngst Schiedsrichter wegen der Gewalt gegen sie. In einer hessischen C-Klasse ist ein Schiedsrichter niedergestreckt worden.

Franke: Ich habe mit dem Kollegen mitgelitten, auch selbst noch mal mein Schicksal durchlebt. Ich bin so froh, dass es von meinem Vorfall keine Videos gibt. Ich will nicht immer wieder sehen, was mir widerfahren ist. Es war ein Tiefpunkt meines Lebens.

ZEIT ONLINE: Der DFB sagt, dass die Daten keine Steigerung der Gewalt belegen. Ist bloß die Aufmerksamkeit gestiegen, weil heute fast alles gefilmt wird oder weil unsere Gesellschaft Gewalt schärfer verurteilt?

Franke: Tatsächlich wurden Schiedsrichter auch früher angegriffen. Doch die Intensität ist heute eine andere. Polizei und Krankenwagen werden öfter gerufen, mehr Leute werden ins Krankenhaus eingeliefert.

ZEIT ONLINE: Auch der Soziologe Gunter Pilz, der beim DFB die Arbeitsgruppe Fairplay leitet, spricht von einer "neuen Qualität". Der Mann, der sie schlug und trat, wurde vom Verband lebenslang gesperrt. Seine Entschuldigung haben Sie abgelehnt.

Franke: Sie kam mir fadenscheinig vor, und vor Gericht auch nicht aufrichtig. Ich habe natürlich Strafanzeige gestellt. Aber ich darf auch sagen: Ich spüre Hass auf ihn. Er hat mir zu sehr wehgetan. Er hat mir einen Teil meines Lebens für immer genommen. Die Schiedsrichterei war alles für mich.