Joachim Löw - "Immer offen, immer ehrlich" Bundestrainer Joachim Löw hat Bastian Schweinsteiger nach dessen Karrierende gelobt. Er sei einer der größten Spieler, die Deutschland hatte. © Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Die Platzwunde wird bleiben. Und der Blick, den Bastian Schweinsteiger damals den Argentiniern zuwarf, als das Blut sein Gesicht herunterlief. Nicht wehleidig, nicht vorwurfsvoll, es war eher der ungläubige Blick eines Unverwundbaren, der seinen Gegner fragt, ob das denn nun wirklich noch sein musste, weil doch eh klar war, wer gewinnen würde. Es war die Verlängerung des WM-Finales 2014. Und ein paar Minuten später stieg Schweinsteiger im Maracanã die Treppe zur Ehrentribüne hinauf. Links und rechts klopften ihm Menschen auf die Schulter. Das Blut war bereits getrocknet, als er den WM-Pokal in die Luft stemmte. Die Wunde passte an diesem Abend perfekt in Schweinsteigers Bergsteigergesicht.

Zwölf Jahre in der Nationalmannschaft, 121 Länderspiele, 342 für den FC Bayern, das ist sehr viel, aber wenn der Name Schweinsteiger fällt, erinnern sich viele an eben jenen Moment. Das WM-Finale war das Spiel seines Lebens. Wenn nötig passte er, wenn nötig grätschte er und wenn nötig haute er richtig dazwischen. Wenn er mal wieder vom argentinischen Bösewicht Javier Mascherano gefoult wurde, stand er wie ein Untoter wieder auf und schritt weiter durchs Mittelfeld. Zum Entsetzen des Gegners. In der Verlängerung musste Schweinsteiger sich immer wieder dehnen, um die Krämpfe aus den Beinen zu schütteln. Jérôme Boateng räumte hinten auf, Phillip Lahm machte heimlich das Spiel, Mario Götze das Tor, aber diese Partie wird auf ewig Bastian Schweinsteiger gehören.

Jetzt hat er seine Karriere beendet. 35 Jahre alt ist er mittlerweile, spielte noch bei Chicago Fire in der US-amerikanischen Profiliga, lief dort als Innenverteidiger auf, was kaum jemand mitbekommen hat. Die Karriere austrudeln lassen, so nennt man das, was viel lockerer klingt, als es ist, weil nur wenige Stars wahrhaben wollen, dass man nicht nach oben trudeln kann, nicht einmal seitwärts, sondern es einfach irgendwie vorbei ist.

Die Fans spüren, wem sie vertrauen

Schweinsteiger hat das mit Würde erledigt. Mit der Würde desjenigen, der weiß, dass er alles gewonnen hat. Mit der Würde, die man haben kann, wem selbst die Bundeskanzlerin zum Karriereende gratuliert: "Alles Gute und Danke für unvergessene Fußballmomente!" Und mit der Würde desjenigen, der erkannt hat, dass auch ein Leben ohne Spitzenfußball lebenswert sein kann. Schweinsteiger wurde zuletzt zweimal Vater, was in Deutschland ebenfalls kaum jemand mitbekommen hat. Und das war sicher auch Sinn der Sache.

Bei seinem Abschiedsspiel aus der Nationalelf vor drei Jahren schluchzte ein ganzes Stadion. Er war nie der allerbeste Fußballer seiner Generation. Aber es sind selten die Besten, die am meisten geschätzt werden. Die Fans nämlich haben ein feines Gespür dafür, wer ihnen was vormacht und wer nicht. Wem sie ihre Zuneigung schenken können, weil er sie wertschätzt. Und wem sie vertrauen, weil er da ist, wenn er gebraucht wird.

Schweinsteiger sah man immer an, dass er mit Herz spielte. Schweinsteiger war ehrlich, aber nie plump. Er war geradeaus, ohne gemein zu sein. Er führte durch Willen, ohne dabei das Brustgetrommel der Vorgängergeneration, den Effenbergs und später Ballacks, nötig zu haben. Obwohl ihm und Lahm immer zugeschrieben worden ist, das Prinzip der flachen Hierarchien im deutschen Fußball etabliert zu haben, duckte sich Schweinsteiger nie weg, weshalb er es auch war, der 2012 im Champions-League-Finale dahoam den entscheidenden Elfmeter verschoss. Nicht Toni Kroos. Ein Trauma, das immerhin zum Champions-League-Titel ein Jahr später führte.

Aufstieg mit Spott

Schweinsteiger hat das Comeback des deutschen Fußballs begleitet, ja mitinitiiert. Sein erstes Länderspiel hatte er 2004 bestritten, kurz bevor die Nationalelf in der EM-Vorrunde ausschied. Schlimmer ging es nicht mehr. Es folgte: das Sommermärchen 2006 und der Weg zurück bis ganz nach oben, als Deutschland 2014 nach einem Vierteljahrhundert mal wieder Weltmeister wurde. Nicht ohne Krisen. Als "Chefchen" wurde Schweinsteiger zwischendurch vom Boulevard verspottet, weshalb er sich mit den buntesten aller Blätter anlegte. Seine Generation, die der Lahms und Podolskis, galt bis 2014 als talentiert, aber eben auch als jene, der immer der letzte Tick zum großen Titel fehlte. Für den letzten Tick hat Schweinsteiger im Finale dann selbst gesorgt. Da entschuldigte sich selbst die Bild.

Parallel zum deutschen Fußball ist auch Schweinsteiger gereift. Vom pickligen Schweini, der mit Poldi kicherte und sich mit der "Cousine" im Bayern-Whirlpool erwischen ließ, zum elder statesman, an den Schläfen ergraut, der jeden Ball mit einer gewissen Erhabenheit spielte. Vom forschen Außenbahnspieler, der gerne mal die falsche Entscheidung traf, zum abgeklärten Spielmacher, der den Ball mit einer Erhabenheit über zehn Meter passen konnte wie kaum ein anderer.

Es geht nun einer der beliebtesten Fußballer Deutschlands, bekannt in der ganzen Welt. Sie kennt seinen Namen, auch wenn er für die meisten Menschen schwer auszusprechen war. Nur in Argentinien soll er den Menschen mittlerweile ganz leicht von der Zunge gehen. Sie haben ihn damals in Rio etwas zu oft gehört.