Joachim Löw hat recht: Man muss von den Besten lernen. Daher ein kleiner Exkurs: Einer der wichtigsten Spieler der französischen Weltmeisterelf war N'Golo Kanté, obwohl er wohl den wenigsten Fans als Erstes einfällt. Er bringt so gut wie alles mit, was ein defensiver Mittelfeldspieler, ein sogenannter Sechser, braucht.

Zum einen bleiben an ihm viele Gegenspieler hängen, immer wieder fängt er Pässe ab, er erkämpft sich den Ball auch mal durch ein hartes Tackling. Zum anderen bietet er sich, wenn seine Mitspieler in der Abwehr den Ball haben, zwischen den Linien des Gegners an, um die Angriffe nach vorne zu tragen. Und das im Getümmel, denn als zentraler Spieler ist man meist von Gegenspielern aus vier Himmelsrichtungen umgeben.

Was Kanté leistet, Bälle erobern, halten und verteilen, ist oft unglamourös. Seine Best-of-Videos auf YouTube werden weniger geklickt als die von Antoine Griezmann. Das Mittelfeldspiel, wo der Raum am engsten ist und der moderne Fußball seine Komplexität entfaltet, ist zudem schwerer zu bewerten als das von Stürmern, Abwehrspielern oder Tormännern.

Wer soll Kroos' Adjutant sein?

Das dürfte ein Grund für die aktuellen Debatten über die deutsche Nationalmannschaft sein, die am Mittwoch in Dortmund gegen Argentinien und am Sonntag in Estland spielt. Nach der jüngsten Niederlage gegen die Niederland im September war vieles zu lesen und hören. Experten fordern eine neue Abwehr, der Sturm bereitet nach wie vor Sorgen, es gibt sogar eine Torwartdebatte. Doch das größte Problem der deutschen Elf liegt im Mittelfeld, wie schon bei der WM 2018, als sie in der Vorrunde ausschied.

Bei manchen Wortmeldungen darf Löw weghören: Der Herausforderer Marc-André ter Stegen ist, um das Mindeste zu sagen, nicht besser als Manuel Neuer. Mats Hummels ist ein starker Abwehrspieler, wenn die Defensive tief verteidigt, wie der BVB gegen Barcelona. Und ein Verteidiger mit Schwächen, wenn das Spiel offener ist, wie das in Prag. Und dass Deutschland keine Außenverteidiger und Mittelstürmer von Weltklasse hat, dafür kann Löw nichts.

Genauer hinschauen sollte der Bundestrainer hingegen in seine Mitte. Das Zentrum der deutschen Mannschaft ist Toni Kroos, seit gut fünf Jahren Stammspieler von Real Madrid. Er ist das Verbindungsstück zwischen Abwehr und Sturm, die Passmaschine. Ihm gelingen auch in engen Zonen fast alle Ballannahmen, auch die komplizierten. Doch das Eins-gegen-Eins ist nicht sein Ding. Nicht mehr, um genau zu sein, in der Offensive, in der Defensive war es das noch nie.

Kroos, der bei den beiden Länderspielen nun verletzt fehlen wird, ist dennoch gut, weil er in Madrid einen Adjutanten zur Seite hat, den türsteherhaften Casemiro, der frechen Widersachern zur Not mal eine Schelle austeilt. Im Prinzip dient der Brasilianer dem Deutschen wie früher der Wasserträger Hacki Wimmer dem Regisseur Günter Netzer. In der deutschen Elf aber ist der perfekte Diener nicht gefunden. In Russland zeigte sich Sami Khedira dieser Aufgabe und den schnellen Mexikanern nicht mehr gewachsen. Sebastian Rudy, der im Spiel darauf die Lücke zu schließen begann, verletzte sich früh.

Löw setzt nun auf Joshua Kimmich, der bei Bayern München diese Rolle gelegentlich gibt. Zweifellos hat der feinfüßige Kimmich Stärken am Ball. Er flankt präzise und scharf, seine Pässe sind gut getimet, manchmal chippt er den Ball gekonnt über die Abwehr. So hat er schon manches Tor im Verein und in der Nationalelf eingeleitet. In Tottenham hat er jüngst das wichtige 1:1 mit einem sehenswerten Fernschuss erzielt.

Doch wenn seine Mannschaft mal nicht den Ball hat, sieht es schon anders aus. Kimmich wird oft überlaufen und umspielt. Von seinem gelegentlich aggressiven Auftreten sollte man sich nicht ablenken lassen, ein Abräumer wird man nicht durch Brüllen und anderes Dominanzgehabe. Gegen die stürmenden Holländer ging er in der zweiten Halbzeit unter, kam kaum noch an den Ball. Ähnliches war sogar schon beim deutschen Sieg in Amsterdam im März zu beobachten.