Wie ging es aus?

Estland – Deutschland 0:3 (0:0)
Tore: 0:1 und 0:2 İlkay Gündoğan (51., 57.), 0:3 Timo Werner (71.)

Wie war das Spiel?

Zääääh. In der ersten Halbzeit erspielte sich die deutsche Mannschaft keine Torchance und auch nach der Pause wurden es kaum mehr. In den Strafraum kombinierten sich Kai Havertz, Luca Waldschmidt, Julian Brandt und Marco Reus so gut wie gar nicht. Auch die beiden Leipziger Außenverteidiger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg, von RTL vor dem Spiel allen Ernstes als "Nachfolger der Siebzigerjahre-Flügelzange Libuda und Grabowski" gefeiert, waren keine große Hilfe. Am gefährlichsten war Deutschland in Tallinn durch Freistöße (Reus an den Pfosten) und Fernschüsse. Die Esten, das schwächste Team der EM-Qualifikationsgruppe, bekamen auch nicht viel hin. Und so erlebten die Zuschauerinnen und Zuschauer ein Länderspiel, das vielleicht nicht zufällig am Tag der Amateure stattfand.

Wer war Spieler des Spiels?

İlkay Gündoğan, der ballsicherste Kicker auf dem Feld, der die Esten umkringelte. Stets versuchte er, die Stürmer zu bedienen. Als er damit keinen Erfolg zeitigte, schoss er einfach selbst. Zweimal, zweimal rein und alea iacta est. Beide Schüsse wurden abgefälscht, einer durch einen Gegen-, der andere durch einen Mitspieler. Das passte irgendwie zu dem technisch dürftigen Niveau des Spiels. Und das letzte Tor durch den eingewechselten Werner leitete Gündoğan mit einem langen Pass ein. Er hat keinen Stammplatz bei Löw, was er zuletzt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung höflich bemängelte. Vielleicht sieht es nach diesem Spiel künftig besser für ihn aus.

Welche Szene war symptomatisch für den Kick?

Der Platzverweis für Emre Can, der einer Verkettung von Unsauberkeiten der deutschen Abwehr entsprang. Halstenberg brachte den Ball zum wiederholten Male nicht zum Mitspieler, stattdessen aber Niklas Süle in Bedrängnis, der wiederum ein bisschen zu fest auf Can passte. Can stand schon falsch und traf obendrein die falsche Entscheidung und mit einer wilden Grätsche den Gegner. Notbremse und Rote Karte in der 14. Minute. Die Unterzahl war natürlich ein Handicap für Jogi Löws Team, doch gegen den 102. der Weltrangliste hätte trotzdem mehr drin sein dürfen. So wie auch am vorigen Mittwoch gegen allenfalls mittelmäßige Argentinier.

Was war der Aufreger des Tages?

Politik. Gündoğan hat es wieder getan, er hat Recep Tayyip Erdoğan unterstützt. So zumindest konnte man seinen Knopfdruck auf Social Media deuten. Wie auch Can hatte er jüngst auf Instagram ein Foto des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun gelikt. Darauf feierte Tosun, geboren und aufgewachsen im hessischen Wetzlar, mit seinen Mitspielern aus der Nationalelf ein Tor, indem sie mit der Hand an der Stirn militärisch grüßten. Der türkische Verband erklärte, diese Geste sei den Soldaten der Türkei gewidmet, die auf Erdoğans Befehl zurzeit die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien angreifen, was von Großteilen der globalen Öffentlichkeit kritisiert wird.

Später nahmen Can – der im Vorjahr im Gegensatz zu Gündoğan, Tosun und Mesut Özil auf ein Foto mit Erdoğan verzichtet hatte – und Gündoğan den Like zurück. Sie gaben an, ihn überhaupt nicht politisch gemeint zu haben, sondern bloß als Support für ihren Kumpel Tosun. "Ich bin ein absoluter Pazifist und gegen jede Art von Krieg", sagte Can der Bild-Zeitung noch vor dem Spiel. "Ich will, dass Frieden herrscht", fügte er nach dem Abpfiff an. Und Gündoğan schrieb auf seinem Kanal: "Glauben Sie mir: nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement zu setzen." Can und er seien rausgepickt worden, um eine Geschichte zu konstruieren, kritisierte er die Medien nach dem Spiel. Was sie von Tosuns Geste oder gar Erdoğans "Operation Friedensquelle" halten, sagten die beiden Spieler nicht.

Fortuna Düsseldorf ist auch involviert. Der Verein erklärte am Sonntag, seine beiden Spieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman, die auch auf dem Foto salutierten, hätten lediglich ihre "Solidarität für Soldaten und ihre Angehörigen" bekunden wollen. Dennoch erwägt die Uefa, wegen unzulässiger politischer Botschaften gegen den türkischen Verband zu ermitteln. Der DFB äußerte sich vor dem Spiel nicht näher.

Was bedeutet der Sieg für die deutsche EM-Qualifikation?

Sie ist fast geschafft. Noch zwei Spiele stehen an gegen Belarus (Weißrussland) und Nordirland am 16. und 19. November, in Mönchengladbach und Frankfurt. Sehr wahrscheinlich genügt der deutschen Elf ein Sieg, vielleicht ist nicht mal der nötig. Die ersten fünf Nationen sind bereits für das Turnier im nächsten Jahr qualifiziert: Belgien, Italien, Polen, Russland sowie der Nations-League-Sieger Portugal.