Letztes Jahr war Gargee Kashyap in Griechenland. Es war toll, sagt sie, die Sonne, das Essen, nur das Meer störte. Gargee konnte nicht schwimmen. Also saß sie am Strand und schaute ihren Freundinnen zu. Sie kannte das schon von den vielen Tagen am See und im Freibad. Seit Gargee nach Deutschland gekommen ist, hat sie sich angewöhnt, Bier zu trinken und joggen zu gehen, sie hat sich sogar ein Dirndl gekauft. Nur rund ums Wasser fühlte sie sich fremd. Aber an diesem Sommertag, an einem griechischen Strand, beschloss sie, das zu ändern.

Jetzt paddelt Gargee mit einer sehr grünen Poolnudel unter der Brust durch das Sommerbad Wilmersdorf. Es ist einer der letzten heißen Sommertage. Bademeister blöken in Megafone, Halbstarke springen unerlaubt vom Beckenrand, in einer Ecke des Nichtschwimmerbereichs fischen Großväter ihre Enkel aus dem Wasser, die die Kinderrutsche hinuntergesaust sind. Im Babypool wird Gargee, 31 Jahre alt, von einer Zweijährigen mit Schwimmflügeln und Sonnenhut beäugt.

Gargee ist mit Romy da, ihrer Schwimmlehrerin. Sie haben sich übers Internet gefunden, alle paar Wochen treffen sie sich zu einer Privatstunde. Mit der Poolnudel um den Körper macht Gargee kleine Hopser. Wassergewöhnung. Dann üben sie den Beinschlag. Fersen zum Po und sich mit den Fußsohlen abstoßen, als wäre das Wasser eine Wand. Am Beckenrand klatschen Romy und Gargee ab.

Nicht Teil der indischen Kultur

In Indien schwimmt kaum jemand, sagt Gargee. In Mumbai, wo sie aufgewachsen ist, gibt es nur wenige Schwimmbäder, eigene Pools können sich nur die ganz Reichen leisten. "Schwimmen ist nicht Teil unserer Kultur", sagt sie. Wenn der Monsun kommt, ertrinken jedes Jahr Hunderte. Gargees Mutter hat Angst vor dem Wasser. Gargee eigentlich auch.

Wie viele der Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sie sehen im Wasser eher Gefahr als Vergnügen.

Das soll sich ändern. Allein 2018, so teilt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Lebensretterdeutsch mit, habe sie "631 Maßnahmen für Flüchtlinge im Bereich Wassergewöhnung und -bewältigung sowie Schwimmausbildung durchgeführt". 4.000 Personen hätten daran teilgenommen. 4.000 Menschen, für die Schwimmen nicht nur Schwimmen ist, sondern auch ankommen. Über Wasser halten. Nicht untergehen. Sich freischwimmen.

"Sauf bloß nicht ab"

Zumal es kaum etwas Deutscheres gibt als Schwimmen. Karl der Große kraulte mit seinen wichtigsten Verbündeten um die Wette und besiegte sie natürlich. Goethe war so versessen aufs Schwimmen, dass er es sich mit einem eigens entworfenen Gürtel aus Kork selbst beibrachte. Martin Walser soll noch immer gerne im Bodensee schwimmen. Michael Groß. Franziska van Almsick. Ausländer machen sich gern darüber lustig, dass es den Deutschen ins Wasser zieht, sobald nur kurz die Sonne scheint. Schwimmwetter ist so ein Wort, das es wohl nur auf Deutsch gibt.

"Sauf bloß nicht ab", sagt Gargees Vater in Indien, wenn sie von ihren Schwimmstunden erzählt. "Ich habe Angst, zu sterben, dann bin ich eine Leiche", sagt Gargee. "Eine Leiche ist gut, Leichen schwimmen oben", sagt ihre Lehrerin Romy.