Konstanze Klosterhalfen kann vieles weglächeln. Das tut sie oft und gern. Das ganze Jahr hatte sie es getan. Doch dann, in der frostig heruntergekühlten Mixed Zone des Khalifa Stadiums von Doha, ging es nicht mehr. Also versuchte die 22-Jährige zumindest, nicht allzu zerknirscht dreinzuschauen, während sie Handtuch und Wasserflasche nervös in der Hand drehte und wendete und immer weiter zerknautschte. 

Im Vorlauf hatte sie noch souverän ihr Programm abgespult. Erst abgewartet, dann angezogen und selbst das Tempo gemacht. Am Ende stand mit Platz zwei in 15:01,57 Minuten die Qualifikation fürs Finale. Während die Konkurrenz sich noch japsend auf die Bahn warf, marschierte Klosterhalfen schon die roten Stufen der Tribüne hinauf. Der anstrengende Teil, schien es, wartete erst jetzt auf sie. 

"Natürlich sind das schockierende Nachrichten." Es mache sie "ein bisschen traurig", sagt sie. Die monotone Stimme passt nicht zu dem, was sie sagt. "Aber wir haben das in unserem Team besprochen. Das betrifft uns alle nicht."

Statt Shopping in Katars mondänen Malls oder Spazieren unter Palmen hatte Klosterhalfen sich vor dem Wettkampf im Hotel zurückgezogen. Die Medien mied sie. Auch mit den Eltern telefonierte sie nicht. Einen Tag vor ihrem Rennen war Alberto Salazar, der Leiter des Nike Oregon Project, bei dem auch Klosterhalfen trainiert, gesperrt worden. Vier Jahre lautet die Strafe – wegen verletzter Antidopingbestimmungen.

"Mein Trainer ist Pete Julian und nicht Alberto Salazar"

Konkret lauten die Vorwürfe gegen den 61-Jährigen: Anwendung verbotener Infusionen, Besitz und Handel mit Testosteron und manipulierte Daten bei Dopingkontrollen. Neben Salazar, selbst ehemaliger Marathonläufer, wurde auch ein Arzt des Projekts gesperrt. Die Urteilsbegründung für den Trainer umfasst 140 Seiten. 

Salazar bestreitet die Anschuldigungen und will gerichtlich dagegen vorgehen. Nike hat für seinen Star-Trainer bereits Unterstützung angekündigt. Die Akkreditierung bei der WM ist der Coach aber erst mal los. Stattdessen müssen nun seine Athleten unangenehme Fragen beantworten

Auch Konstanze Klosterhalfen, die erst seit November 2018 in Oregon ist und seit April 2019 offiziell zum Projekt gehört. Sie ist eine von nur zwölf Auserwählten. Neben ihr sind es zum Beispiel Donovan Brazier (USA) und Sifan Hassan (Niederlande), die in Doha über die 800 Meter und die 10.000 Meter schon Gold am Golf holten. 

Was sie sagen, wirkt einstudiert. Das Wort "geschockt" fehlt in keiner Erklärung. Brazier betonte, er arbeite nur unter dem Co-Trainer Pete Julian. Auch Klosterhalfens Management sagte direkt, die Deutsche trainiere nur bei dem Co-Trainer, habe mit Salazar nichts zu tun. "Überrascht und ein Stück weit geschockt" habe man dennoch die Sperre des Chef-Coaches zur Kenntnis genommen. 

Das wiederum überraschte, weil die Vorwürfe lange bekannt waren. Auch die Ermittlungen gegen Salazar liefen seit 2015. Und die Betreuung nur durch den Co-Trainer? Klosterhalfen unterstrich das nochmal persönlich. "Mein Trainer ist Pete Julian und nicht Alberto Salazar." Kann man bei einer so kleinen Gruppe nichts voneinander gewusst haben?

Bestleistungen in den USA erheblich gesteigert

"Wir konnten alle kaum laufen, als das passiert ist." Klosterhalfen ist Jahrgang 1997. Die Vorwürfe ehemaliger Kollegen und Sportler gegen Salazar beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 2010 und 2014. Salazar soll mit Testosteron bei seinen eigenen Söhnen experimentiert und Sportlern hohe Dosen L-Carnitin für die Fettverbrennung injiziert haben. Auch habe er zur Leistungssteigerung Schilddrüsenhormone empfohlen, heißt es. 

Klosterhalfen selbst hat ihre Bestleistungen, seit sie in den USA lebt, erheblich gesteigert. Allein in diesem Sommer verbesserte das größte deutsche Lauftalent den Landesrekord über die Meile, die 3.000 und die 5.000 Meter. Bei 1,74 Meter und nur 48 Kilo wirkt sie noch hagerer. Skepsis mit Verweis auf die Ermittlungen hatten Sportler, Verband und Manager stets abgetan. Für sie ist es einfach "das beste Team der Welt". Es sei einfach Training auf anderem Niveau, hieß es. Deshalb war sie ja aus der Heimat weggegangen. 

Leverkusen war der Rheinländerin zu klein geworden. Ihr dortiger Trainer Sebastian Weiß hätte sie gern langsam aufgebaut. Klosterhalfen nannte die Zusammenarbeit mit ihm noch im März 2018 vertrauensvoll. Sportlerin und Trainer verstünden sich blind, hieß es. Ein halbes Jahr später waren Krafttraining und Yoga nicht mehr genug. Es ging nach Amerika. Und fortan lief der Zweifel mit.