Ein Kapitel deutscher Sportgeschichte: Der Mainzer Niklas Kaul, 21, wurde jüngster Zehnkampfweltmeister aller Zeiten. Er ist der erste deutsche Sieger seit Christian Schenk, der 1988 für die DDR Olympiagold holte, später jedoch Doping zugab. Ein Jahr zuvor war Torsten Voss, ebenfalls DDR, als bislang einziger Deutscher Weltmeister in dieser Disziplin geworden.

Kauls Sieg wurde durch den Ausfall Kevin Mayers, des französischen Weltrekordlers, begünstigt. Er war dennoch eine Sensation, obwohl Frank Busemann, Ex-Zehnkämpfer und ARD-Experte, den Ausgang nach acht Disziplinen voraussagte, ja vorausberechnete. Da lag Kaul auf Rang 6, doch seine Schokoladendisziplinen standen noch aus. Insbesondere beim Speerwurf, der vorletzten Runde, ließ er die Konkurrenz wie Schüler bei den Bundesjugendspielen aussehen. Sein Speer flog und flog auf 79,05 Meter. Das war Zehnkampf-Weltrekord. Im abschließenden 1.500-Meter-Rennen deklassierte er beinahe schon erwartungsgemäß das gesamte Feld, locker aufrecht laufend.

Königsdisziplin der Leichtathletik

Der Zehnkampf gilt als Königsdisziplin der Leichtathletik, eigentlich des gesamten Sports. Angesichts dessen war wenig Konfetti in Doha. Das Stadion war um 0.30 Uhr Ortszeit noch leerer als sonst. Die Eltern des Siegers, im Fernsehen zugeschaltet, feierten auf der Bühne eher sachlich. Und Kaul blickte zunächst ungläubig und lächelte dann bescheiden. Wie alle anderen lag er direkt hinter der Ziellinie pumpend auf dem Boden. Das übliche Bild der ausgelaugten Zehnkämpfer, die zwei Tage Höchstleistungen hinter sich hatten. Dann umarmten sich alle und verbeugten sich gemeinsam vor dem imaginären Publikum.

Was machten die anderen Deutschen?

Christina Schwanitz aus Dresden stieß die Kugel auf 19,17 Meter und gewann Bronze. Die frühere Welt- und Europameisterin weinte vor Glück, vielleicht auch weil es ihre erste Medaille als Mutter war. "Bevor ich schwanger wurde, war ich vom Kopf her leer und dachte ans Aufhören", sagte sie, die vor zwei Jahren Zwillinge gebar, dem Sportbuzzer vor der WM. Sie habe dann zeigen wollen, dass man auch mit Kindern guten Leistungssport betreiben könne. Der Erfolg von Doha ist auch deswegen so bemerkenswert, weil Schwanitz durch die Schwangerschaft Sponsoren verloren hatte. "Wir sind nicht auf einer Stufe mit Männern", sagte sie.

Siegerin in dem Wettbwerb wurde die Chinesin Gong Lijiao vor Danniel Thomas-Dodd, der Jamaikanerin mit dem High Bun, dem Obendraufdutt.

Wer siegte noch?

Salwa Eid Naser, eine 21-jährige bahrainische Läuferin nigerianischer Herkunft, war die Schnellste über 400 Meter. Auch sie ist die jüngste Siegerin in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Und ihre Zeit, 48,14 Sekunden, war die drittschnellste aller Zeiten. Besser waren nur Marita Koch (DDR) und Jarmila Kratochvílová (CSSR) in der Hochdopingepoche der Achtziger. Zweite wurde die Favoritin Shaunae Miller-Uibo von den Bahamas, die Frau des Esten Maicel Uibo, der im Zehnkampf kurz darauf hinter Kaul Silber gewann.

Im Siebenkampf holte sich die Britin Katarina Johnson-Thompson WM-Gold, die Frauen absolvieren im Mehrkampf ja noch immer drei Disziplinen weniger als die Männer.

Und sonst?

Eine Recherche der ARD hat ergeben: Wer dopen will, für den scheint Marokko ein guter Ort zu sein. Der Leichtathletik-Weltverband strich das Land zwar kürzlich von der Doping-Watchlist, und der IAAF-Chef Sebastian Coe überreichte dem Präsidenten der marokkanischen Leichtathletik, der gute Verbindungen zu seinem König haben soll, eine Verdienstmedaille. Doch in der TV-Dokumentation kommen unter anderen Sportler zu Wort, die angeben, von marokkanischen Verantwortlichen zum Doping gedrängt worden zu sein. Und ein ehemaliger Trainer sagt: "Opfer sind die jungen Athleten." Auch Sportlerinnen und Sportler aus anderen Ländern trainieren gerne in dem nordafrikanischen Land, weil dort wohl nicht besonders genau getestet wird.