Für Ex-Fußballnationalspieler Mesut Özil ist der Rassismus in Deutschland "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen. "Unglücklicherweise ist Rassismus nicht mehr länger ein Thema der Rechten", sagte der 31 Jahre alte Fußballweltmeister von 2014 in einem langen Interview der Sportseite The Athletic am Donnerstag. "Es gibt große Probleme in Deutschland – schaut, was in der vergangenen Woche in Halle passiert ist. Eine weitere antisemitische Attacke."

Vergangenen Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Mann versucht, in eine mit mehr als 50 Gläubigen besetzte Synagoge zu gelangen. Als das scheiterte, erschoss er vor der Synagoge eine 40 Jahre alte Frau, tötete kurz darauf einen 20 Jahre alten Mann in einem Dönerimbiss und verletzte auf der Flucht ein Ehepaar schwer. Der 27-jährige Deutsche hat gestanden, die Tat aus antisemitischen und rechtsextremen Gründen begangen zu haben.

Özil führte im Athletic-Interview die Reaktionen auf sein umstrittenes Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor der WM 2018 als Beispiel für rassistische Anfeindungen gegen ihn selbst an. "Es fühlte sich so an, dass, wenn ich mich dafür entschuldige und zugebe, dass es ein Fehler war, alles gut wäre", sagte er. "Das würde ich nie tun. Rassismus war immer da, aber diese Situation wurde von diesen Menschen als Entschuldigung dafür genutzt, ihn auszuleben. Jeder kann seine eigene Meinung haben. (…) Doch, was dann folgte, hat ihren Rassismus sichtbar für jeden offenbart."

"Ich wurde rassistisch angegangen"

Darüber, dass zuletzt die deutschen Nationalspieler Emre Can und İlkay Gündoğan ein Foto des Salutjubels türkischer Nationalspieler auf Instagram mit einem "Gefällt mir" markierten, äußerte sich Özil im Interview nicht.

Im Anschluss an den Erdoğan-Fototermin sei er aufs Schlimmste beleidigt worden, sagte der Fußballer, zudem hätten sich einige Geschäftspartner von ihm abgewandt und Wohltätigkeitsorganisationen ihn als Botschafter fallen gelassen. "Nach dem Foto habe ich mich nicht mehr geschützt, nicht mehr respektiert gefühlt. Ich wurde rassistisch angegangen – sogar von Politikern und bekannten Persönlichkeiten."

Özil war nach der WM 2018 zurückgetreten, die für Deutschland bereits nach der Vorrunde beendet gewesen war. In einer mehrteiligen Stellungnahme in den sozialen Medien hatte der Weltmeister von 2014 den DFB und dessen damaligen Präsidenten Reinhard Grindel wegen der Reaktionen auf sein Erdoğan-Foto scharf angegriffen. "Er ist der aktuelle Präsident der Türkei und ich würde dieser Person immer meinen Respekt erweisen – egal, wer es ist", sagte der einstige Bundesligaprofi. "Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, ist die Türkei Teil meines Erbes." Seinen Rücktritt bezeichnete der Profi des englischen Erstligisten FC Arsenal auch mit dem Abstand mehrerer Monate als "richtige" Entscheidung.