Niklas Kaul warf sich auf den Boden. Er raufte die Haare, schlug die Hände mitsamt Startnummer vors Gesicht. Erst dann kam ein Lächeln, das irgendwann zum Grinsen wurde. So langsam kam wohl im Kopf an, was ihm gerade gelungen war: "Wie das passiert ist, ich weiß es nicht", sagte der Mainzer.

Weltmeister im Zehnkampf, mit erst 21 Jahren. Das war eine riesige Überraschung in der Nacht zu Freitag – und in diesem Alter vor ihm auch noch keinem gelungen. Kaul siegte im Khalifa-International-Stadium von Doha mit der persönlichen Bestleistung von 8.691 Punkten. Maicel Uibo aus Estland (8.604) und dem Kanadier Damian Warner (8.529) blieben dahinter Silber und Bronze. Den bisher einzigen Zehnkampf-WM-Titel für Deutschland hatte der Schweriner Torsten Voss gewonnen. Das war 1987, noch zu DDR-Zeiten. 

Auch in Katar war für den deutschen Verband kein Gold zu erwarten. Der erste Wettkampftag in der Wüste hatte für Kaul mäßig begonnen. Wie immer eigentlich. Es sind nicht seine Disziplinen. Er lag zur Halbzeit auf Rang elf. Eine "Mittelfeldplatzierung", sagte er, hatte er noch haben wollen. Und er hatte ein gutes Gefühl, als er das Hotel verließ.

Der Magen hatte den ganzen Tag rumort

"Es fühlt sich alles sehr surreal an, was da in den letzten paar Stunden passiert ist", sagte Kaul. Er werde noch Tage brauchen, um all das zu verarbeiten. Eigentlich hatte der Magen den ganzen Wettkampf rumort. Kaul hatte in der Hitze wohl zu viel Wasser getrunken. Und dann hatten sie beim Weitsprung am ersten Tag auch noch falsch gemessen. Zum Glück belegten TV-Bilder den weiteren Satz – der eine Meter machte jetzt mit den Unterschied. 

Eigentlich hatte sich aber alles im Stabhochsprung entschieden. Da musste Kevin Mayer (Frankreich), der große Favorit, mit einer Verletzung aufgeben. Die Achillessehne schmerzte. Ein paar Mal hatte er es mit dem Anlauf noch versucht, aber vergeblich. Mayer, der Olympiasieger und Weltrekordinhaber, lag auf der Matte und weinte. Das Feld hinter ihm fing an, sich neu zu sortieren. 

Kaul gelangen mit Stab (5,00 Meter) und Diskus (49,20 Meter) neue Bestleistungen, während weitere Favoriten scheiterten. Das waren doch seine "Problemdisziplinen" gewesen. Plötzlich schien alles möglich. Der Speerwurf war für den Mehrkämpfer schon immer die Königsdisziplin. Dieses Mal übertraf Kaul sich aber selbst noch einmal: 79,05 Meter – so weit hat vor ihm noch nie ein Zehnkämpfer geworfen. Das genügte. 

Noch vor dem letztmöglichen Versuch, den er ausließ, ging es zurück in den Stadionbauch. Aufwärmen, nochmal Abschalten. Vielleicht noch eine Kleinigkeit essen, hatte die Mutter, auch Trainerin, auf der Tribüne gemutmaßt, die Augen zumachen und sich ganz fokussieren. Es war ja schon nach Mitternacht im Khalifa-Stadium, als es endlich auf die Bahn ging. 

Doch Kaul schien weder unkonzentriert noch nervös zu werden. Souverän gewann er die 1.500 Meter. Mit 4:15 Minuten kam er mit reichlich Abstand ins Ziel. Das reichte für insgesamt 8.691 Punkte. Und für den WM-Titel.

Ein Schrei für die Kameras, dann die Deutschlandfahne geschnappt und zu Techno-Klängen auf die Ehrenrunde. Kopfschütteln, immer wieder. Kaul zog die Schuhe aus. Es gab die Laola der versammelten Zehnkämpfer. Das Stadion war da schon wieder fast leer. Es war ein Uhr nachts, doch Kaul ließ sich Zeit für die Runde. Ein Star über Nacht, selten stimmte das mehr. Als es zum Interview ging, hatte er längst keine Stimme mehr.