Eine Gruppe von Hackern hat wenige Monate vor den Olympischen Spielen 2020 in Tokio mindestens 16 nationale und internationale Sport- und Antidopingorganisationen angegriffen. Dies berichtet der Softwarekonzern Microsoft. Demnach begannen die Attacken Mitte September und waren in der Mehrzahl nicht erfolgreich. In einigen Fällen aber seien Daten entwendet worden, heißt es.

Hinter den Attacken soll die Gruppe stecken, die unter den Codenamen Strontium, Fancy Bear und APT28 bekannt geworden ist. Sie gilt als verlängerter Arm russischer Geheimdienste und soll laut der US-Regierung auch hinter dem Datendiebstahl bei der Antidopingagentur Wada und Sportverbänden im Jahr 2016 stecken. Ihr wird auch der Angriff auf die IT-Systeme des Deutschen Bundestags im Jahr 2015 zugeschrieben.

Methoden vergleichbar mit früheren Fancy-Bear-Attacken

Laut der Microsoft-Cybersicherheitsexperten nutzten die Hacker im aktuellen Fall dieselben Methoden, für die Fancy Bear/APT28 auch bislang schon bekannt war. Dazu gehören die Verwendung von sogenannten Pishing-Mails, die gezielte Eingabe von Passwörtern gleich bei mehreren Usern, das Eindringen in internetfähige Geräte und die Verwendung von Open-Source- sowie eigens programmierter Schadsoftware.

Auffällig ist, dass die Spur erneut nach Russland führt, dessen Sport- und Antidopingbehörden seit Jahren von der internationalen Szene geächtet sind. Grund ist ein langjähriges und flächendeckendes Staatsdoping, das die Wada im sogenannten McLaren-Report nachgewiesen hatte. Demnach wurden russische Athleten zwischen 2011 und 2016 nicht nur systematisch gedopt, sondern dieser Betrug auch mit Hilfe der Behörden verdeckt. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi etwa soll der russische Geheimdienst dabei geholfen haben, positive Dopingproben aus dem Untersuchungslabor zu entfernen und durch manipulierte Proben zu ersetzen.

Wada-Experten prüfen neue Angaben aus Russland

Manipuliert waren laut der Wada auch die Daten, die die Welt-Anti-Doping-Agentur im Januar aus dem Moskauer Dopinganalyselabor abgerufen hatte. Dabei handelt es sich um Testdaten von Januar 2012 bis August 2015. In diesem Zeitraum sollen im Moskauer Labor systematisch positive Tests vertuscht worden sein. Sollte sich der Verdacht erhärten, droht eine erneute Suspendierung der russischen Antidopingagentur Rusada und ein möglicher Ausschluss von den Olympischen Spielen in Tokio.

Derzeit prüfen unabhängige forensische Experten für die Wada die Angaben aus Russland, die die Agentur zur Richtigstellung der Vorwürfe angefordert hatte. Ihre Expertise wird dann dem Wada-Prüfungsausschuss CRC weitergeleitet, der wiederum dem Exekutivkomitee das weitere Vorgehen – etwa Suspendierung und Ausschluss – empfehlen wird. Laut der Wada gibt es dafür aber noch keinen konkreten Zeitplan. Das zu bewertende Material sei viel und hochkomplex, die Untersuchung habe einen "hochtechnischen Charakter".