Manchmal ist Veränderung ein Espresso, der nicht bestellt wird, ein Buch, das nicht gelesen wird. So sieht das Robin Gosens. Gosens ist Fußballer, einer, den die Deutschen gerade erst kennenlernen, dabei spielt der 25-Jährige schon seit zwei Jahren für den italienischen Verein Atalanta Bergamo.

Weil Gosens schon lange denkt, immer nur Fußball sei ihm zu wenig, hat er sich nach dem Training häufiger in eines der vielen Cafés in Bergamo gesetzt, einer 120.000-Einwohner-Stadt nordöstlich von Mailand, um ein Buch zu lesen.  

Doch jetzt, wo der Club sich zum ersten Mal für die Champions League qualifiziert hat und aus dem unbekannten deutschen Back-up eine wichtige Stammkraft als Linksverteidiger geworden ist, geht das nicht mehr so einfach: in einem Café sitzen, Espresso trinken und in aller Ruhe lesen. Immer öfter, sagt Gosens in einem Skype-Videotelefonat, werde er von fremden Menschen angesprochen, auf seine Entwicklung und die des Vereins. Natürlich freue er sich darüber, sagt er. Aber seine Bücher, die liest Gosens wieder zu Hause.

Es ist eine Geschichte von vielen, die Gosens erzählt, wenn man ihn fragt, wie sich sein Leben in den vergangenen Monaten verändert habe. Seine Geschichte ist eine, die im modernen Fußball eigentlich nicht mehr vorgesehen ist. In einem Nachwuchsleistungszentrum war Gosens nie, Fußball bedeutete für ihn lange ein Hobby. Training hatte er zweimal die Woche.  

Und doch lebt Gosens gerade den Traum von Millionen Kindern und Jugendlichen. In dieser Woche ist Champions League und Atalanta Bergamo spielt gegen Pep Guardiolas Manchester City. Dienstagabend, Flutlicht, 55.000 Zuschauer im Etihad Stadium, die ganz große Fußballbühne. "Wahnsinn", sagt Gosens, der Spätzünder. "Manchmal frage ich mich: Robin, wat machst du hier?" 

Ein Nachmittag in Kleve änderte alles

Es ist der vorläufige Höhepunkt in der Erzählung über die Profiwerdung eines jungen Mannes auf dem zweiten Bildungsweg, der diesen Traum gar nie geträumt hatte. Eigentlich hatte der Plan nämlich so ausgesehen: Abitur, dann zur Polizei. Gosens war sechs, als ihm sein Opa eine Polizeimütze aufsetzte und ihm einen Streifenwagen zeigte. "Da war die Sache für mich klar: Ich wollte Polizist werden." Das mit der Polizei wurde nichts, Robin Gosens kam der Fußball dazwischen.  

Der Tag, von dem man rückblickend sagen kann, dass er die Fußballerkarriere von Gosens überhaupt erst ermöglicht hat, war ein Samstagnachmittag vor siebeneinhalb Jahren. In Kleve, einem verschlafenen Städtchen an der deutsch-holländischen Grenze, spielte Gosens mit der A-Jugend des VfL Rhede, damals erste Leistungsklasse Niederrhein, gehobener Amateurfußball. Und Gosens spielte gut: Ein Tor schoss er, eins bereitete er vor.  

Dann stand plötzlich dieser Mann vor ihm, niederländischer Akzent, ein Scout von Vitesse Arnheim. Eigentlich, sagte der Mann zu Gosens, sei er wegen eines anderen Spielers gekommen, aber nun sei er wirklich begeistert von ihm. Ob er nicht mal zum Probetraining kommen wolle?