Da stand Rory Best, ein nordirischer Bulle, vor knapp einem Monat im Aviva Stadium von Dublin und als die irischen Rugbyfans noch einmal für ihn klatschten, kämpfte er mit den Tränen. Er kratzte sich am Hinterkopf, fuhr sich mit der Hand über den Kopf, wo schon lange nur noch an den äußersten Seiten Haare wachsen. Noch mal wegdrehen, Tränen verdrücken – dann endlich eine Antwort, dabei hatte ihm die Reporterin gar keine Frage gestellt, sondern schlicht festgestellt: "Rory Best, Ihr 120. Spiel für Irland und ihr letztes in Dublin."

Dabei ist Best kein Ire, er stammt aus Craigavon in Nordirland. Und trotzdem gilt er als einer der größten Kapitäne der irischen Rugbygeschichte, der vermutlich am Samstag sein letztes Spiel für das Nationalteam machen wird. Irland muss bei der WM in Japan gegen den haushohen Favoriten Neuseeland ran.

Dass ihm alle Iren applaudieren, ist möglich, weil das All-Island-Rugby-Team die ganze irische Insel vertritt – den Süden und den Norden. Während der Nationalismus in ganz Europa sich auch in den Sportarenen immer offener zeigt und der Sport in Teilen zum Spielzeug der Autokraten geworden ist, spielt also ausgerechnet die politisch und religiös zerrissene irische Insel, der Brexit-Brennpunkt, gemeinsam Rugby.

"Es war eine Ehre"

Es ist nicht lange her, da beschossen sich in Nordirland Katholiken und Protestanten. Die nationalistischen Katholiken strebten ein wiedervereinigtes Irland an, die unionistischen Protestanten wollten weiter zu Großbritannien gehören. Etwa 3.600 Menschen starben bis 1998 während der Troubles, dem Bürgerkrieg in Nordirland. Seitdem herrscht ein nervöser Frieden.

In dieser Stimmung sind Symbole in Nordirland keine Kleinigkeiten: Als man 2012 den Union Jack vom Belfaster Rathaus entfernte, wo der immer geweht hatte, kam es zu tagelangen Protesten und Ausschreitungen. Und dann sagt der Protestant Best zu seinem Abschied vor den irischen Katholiken: "Es war eine Ehre, für dieses Land zu spielen." Man könnte fast meinen: Manchmal hat es der Sport doch noch drauf.

Die politische Botschaft Bests war: Britische und irische Identität, das geht doch gemeinsam. Er sei in diesem Moment nicht nur der Kapitän einer Sportmannschaft gewesen, sondern der Repräsentant ganz Irlands, sagt der Sportsoziologe Joseph Maguire von der Loughborough University: "Die Rugbynationalmannschaft kann die ganze irische Insel repräsentieren."

Und weil Rugby in Irland eine bedeutende Sportart ist und es ein Stadion für mehr als 50.000 Zuschauerinnen gibt, ist es der Sport, der die Insel eint. Zwar spielen beide Teile der Insel auch gemeinsam Feldhockey. Doch diesem Sport fehlt das große Stadion und wohl auch die Bedeutung. Im Fußball gibt es zwei Nationalteams. Die gälischen Sportarten sind zwar noch beliebter, bisher aber nur etwas für die Katholiken. Rugby spielen auch die Protestanten.