Seine Gegner konnten Serge Gnabry in dieser Nacht nicht aufhalten, doch immerhin seine Mitspieler. Als die Elf des FC Bayern nach dem Abpfiff ihren Triumph in London an der Eckfahne betanzte, senste der Abwehrschrank Niklas Süle den Stürmer Gnabry mal eben zum Spaß um. Der lachte mit, auch als Javi Martínez anschließend den Ball ins Publikum schoss, den Gnabry eigentlich mit nach Hause nehmen wollte. Wie das im Fußball demjenigen zusteht, der mindestens drei Tore geschossen hat.

Gnabry war Mitarbeiter des Tages. In der Champions League bis dahin noch ohne Tor, traf er in 35 Minuten sogar vier Mal. Nicht gegen irgendwen, sondern gegen den Vorjahresfinalisten Tottenham Hotspur, inklusive dem französischen Weltmeistertormann Hugo Lloris. Es war ein spektakulärer und verrückter 7:2-Sieg der Bayern.

Vier Tore, wer weiß, wann er das wieder schafft. Daher gilt es, jedes einzeln zu würdigen. Vor seinem ersten entkam Gnabry der filetmesserhaften Grätsche von Danny Rose mit einem eleganten Hopser. Dann drängte er den zurückweichenden Belgier Tobias Alderweireld mit ein paar Körpertäuschungen tief in den Strafraum. An seinen festen Schuss, der das Netz wölbte, kam Lloris nicht annähernd heran.

Das zweite Tor schoss Gnabry mit dem schwachen linken Fuß. Kurz verzögerte er seine Tat, nahm dadurch einen ungünstigeren Winkel in Kauf, doch stand er dann selbst günstiger zum Ball, den er erst geduldig an sich vorbeirollen ließ. Starkes Timing! Und ein präzises Finish, denn der Ball landete am Innenpfosten.

Tottenham hatte keinen Gnabry

Das dritte Tor war das feinste. Noch in der Bayern-Hälfte rannte Gnabry auf Verdacht los. Den anschließenden Sechzigmeterpass von Thiago pflückte er mit den Zehenspitzen im Flug. Mit dem zweiten Ballkontakt verschaffte er sich Vorsprung gegenüber den Abwehrspielern. Der kapitulierende Lloris ging praktisch freiwillig zu Boden.

Beim Treffer zum 2:7 bewies Gnabry seine Kunst bei Fernschüssen. Diesmal verzichtete er auf den üblichen Jubel, normalerweise rührt er pantomimisch mit einem Kochlöffel in einem Topf. Vielleicht hat er sich inzwischen einen Thermomix zugelegt. Vielleicht war er auch nur erstaunt darüber, dass die Abwehr Tottenhams bei diesem letzten Tor des Spiels besonders wenig Gegenwehr zeigte, geradezu den Weg zum Tor freiräumte.

Gnabry trug einen großen Teil dazu bei, dass viele nun fragen, ob man den Bayern wieder große Titel zutrauen kann. 7:2 bei einem der besten Mannschaften der Premier League – das ist eine Ansage. Wobei man feststellen muss, dass Tottenham in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft war und insgesamt auch locker fünf Tore hätte schießen können. Der überragende Manuel Neuer hatte jedoch dagegen einiges einzuwenden.

Konterstürmer

Vor allem hatten die Engländer keinen Gnabry, der die Lücke mitschließen soll, die Arjen Robben und Franck Ribéry hinterließen. Eine gewaltige Aufgabe. Gnabry, nicht ganz so drahtig wie Ribéry, hat einen sehr guten Abschluss. Gegen tiefstehende Defensivreihen tut er sich manchmal noch schwerer, auch weil ihm nicht jede Ballannahme so perfekt gelang wie in London, wo er eine allenfalls durchwachsene erste Halbzeit spielte.

Dank seiner Stärke als Konterstürmer ist der Sohn einer Schwäbin und eines Ivorers auch in der Nationalmannschaft eine Größe. Für Deutschland traf er alle 86 Minuten, eine bessere Quote hat nur Gerd Müller. Allerdings hat Gnabry erst zehn Spiele hinter sich. Die Weltmeisterschaft 2018 verpasste der heute 24-Jährige wegen einer Verletzung, nicht die erste in seiner Karriere.

Gnabry fällt auch neben dem Platz auf. Er wechselt seine Frisuren, ernährt sich vegan, hat sich von Dazn porträtieren lassen. Zudem unterstützt er die Initiative Common Goal, in der Fußballprofis ein Prozent ihres Gehalts an soziale Projekte mit Fußballbezug spenden. Seine vier Tore in London schoss er in fliedervioletten Schuhen. Serge Gnabry ist ein Kind der Lifestyle-Epoche.