Die Frau, die das Turnen neu erfindet – Seite 1

Triple-Double. Das klingt wie der neue Riesenburger einer Fast-Food-Kette. Er ist aber so ziemlich das Gegenteil davon. Mit einem halben Kilo Rindfleisch im Bauch würde der Triple-Double sicher nicht gelingen. Und sonst übrigens auch nicht, solange man ein gewöhnlicher Mensch ist, und nicht Simone Biles.

Simone Biles ist Turnerin, die beste Turnerin der Welt. Die Beste aller Zeiten, wie viele sagen. Ihr Triple-Double ist das Aufregendste, was es bei der Turn-WM in Stuttgart gerade zu sehen gibt. Ihn zu beschreiben ist kompliziert, weil es kaum vorstellbar ist, dass Menschen so etwas machen. Zunächst: Er ist ein Sprungelement am Boden. Genauer: ein Doppelsalto gehockt mit integrierter Dreifachschraube. Wem das immer noch nicht viel sagt: Biles springt ab und macht während des Fluges zwei Drehungen rückwärts, also um ihre Breitenachse, und rotiert währenddessen noch dreimal um sich selbst, ihre Längsachse. 1,18 Sekunden schwebt Biles so in der Luft, haben Wissenschaftler ausgerechnet (im Video ab 0:15 Minuten)

Der ehemalige deutsche Turner Fabian Hambüchen sagte, er habe das Element im Training mal ausprobiert, es aber nie geschafft. Es gebe nur eine Handvoll Männer auf der Welt, die diesen Sprung zeigen. Von einer Frau gab es ihn noch nie zu sehen. Das Technische Komitee der Frauen des Weltverbands FIG verlieh dem Triple-Double den bislang noch nie vergebenen Schwierigkeitsgrad J. Weil Simone Biles die Übung erstmals bei einer internationalen Großveranstaltung gezeigt hat, trägt das Element nun offiziell den Namen "Biles".

Der Rittberger im Eiskunstlauf, der Okocha im Fußball – wenn Sportelemente den Namen ihrer Erfinder tragen, haben die mehr erreicht als jede Goldmedaille wert ist. Nach Simone Biles sind gleich mehrere Übungen benannt. Sie schuf am Boden bereits den Doppelsalto rückwärts gestreckt mit halber Schraube und blinder Landung sowie am Sprung den Jurtschenko mit halber Drehung in der ersten Flugphase und gestrecktem Vorwärtssalto mit zwei Schrauben. Alles klar? In Stuttgart zeigte sie ebenfalls zum ersten Mal in einem internationalen Wettkampf einen neuen Abgang vom Schwebebalken, einen Doppelsalto rückwärts mit doppelter Schraube, der Double-Double, er heißt jetzt auch "Biles". Es wird nun begonnen, die Elemente zu nummerieren, der Triple-Double heißt eigentlich Biles II und so weiter. Nicht, dass jemand durcheinanderkommt.

Es ist also nicht zu gewagt zu behaupten, dass Biles gerade das Turnen neu erfindet. Ihre Konkurrentinnen sind keine echten Konkurrentinnen, sondern einfach nur baff. "Es ist kaum zu begreifen, was sie leistet", sagte etwa die deutsche Turn-Bundestrainerin Ulla Koch dem Tagesspiegel. "Ich beglückwünsche jede Turnerin in Stuttgart, die Zweite wird. Diese kann sich als zweite Weltmeisterin fühlen. Denn Biles ist herausragend."

Wie ein großer Flummi

Wenn man sich eine moderne Kunstturnerin modellieren könnte, sie sähe so aus wie Biles. Sie ist nur 1,42 Meter groß, wiegt 47 Kilogramm. Sie ist so kräftig, dass sie fast ausschließlich aus Muskulatur zu bestehen scheint. Dazu kommen die kurzen, schnellen Hebel. Von der Natur gegebene Anlagen zusammen mit hartem Training ergibt eine Sprung- und Schnellkraft, die im Frauenturnen einmalig ist. 

Simone Biles erinnert an einen großen Flummi, der, einmal auf den Boden geworfen, nicht mehr aufhört, auf und ab zu hüpfen. Die US-Amerikanerin steht damit für den neuen Typ der kraftvollen Turnerin. Glich Geräteturnen früher mit seiner Ästhetik und Eleganz fast Ballett, fliegen die Sportler und Sportlerinnen heute durch die Luft wie Stuntmen. Beziehungsweise Stuntwomen.

Am Dienstag schon hat Simone Biles ihr US-Team zum Weltmeistertitel geführt. Für sie bereits das 15. WM-Gold und die 21. Medaille, damit hat sie die bisherige Rekordhalterin, die Russin Swetlana Chorkina, übertroffen. Biles will noch fünf weitere Goldmedaillen, eine im Mehrkampf an diesem Donnerstag, vier an den Einzelgeräten Boden, Schwebebalken, Sprung und Stufenbarren, die am Wochenende ausgetragen werden. Nur am Stufenbarren, Biles' schwächstem Gerät, gilt sie nicht als Favoritin.

Ihre Leistung ist umso höher zu bewerten, als dass Simone Biles es fernab der Turnhallen nicht einfach hat. Und selten einfach hatte. Ihre Mutter war drogensüchtig, die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Pflegefamilien. Später adoptierte ihr Großvater sie. Ihr Bruder wurde im August festgenommen, er soll an einer Schießerei beteiligt gewesen sein, bei der drei Menschen getötet und zwei weitere verletzt wurden.

"Ihr habt uns nicht beschützt"

Zudem hatte auch Biles ausgesagt, vom früheren Arzt des US-Turnteams sexuell missbraucht worden zu sein. Der Teamarzt Larry Nassar hatte sich jahrelang an jungen Sportlerinnen vergangen. Er wurde wegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs von mindestens 250 Personen in drei Prozessen zu einer Haftstrafe von 60 bis 175 Jahren verurteilt. Aufgeflogen war Nassar, weil viele prominente Turnerinnen – darunter auch Biles – schilderten, was ihnen angetan wurde. Schmerzvoll dann auch die Reaktion des US-Turnverbands USA Gymnastics. Er vertuschte und verschleppte, drei Präsidenten und Präsidentinnen mussten ihren Hut nehmen, eine hielt sich lediglich vier Tage im Amt. 

Nachdem sogar der US-Kongress den Fall 18 Monate lang untersucht hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Betroffenen "fundamental im Stich gelassen" wurden. Sportverbände, Behörde, Universität – sie alle hatten "die Möglichkeit, Nassar zu stoppen, aber sie taten es nicht". "Ihr hattet im wahrsten Sinne des Wortes nur eine Aufgabe", sagte Simone Biles im August am Rande der US-Meisterschaften, "und ihr habt uns nicht beschützt."