Ein Roman über Fußball auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Das gab es noch nie. Tonio Schachinger hat es geschafft. In "Nicht wie ihr" erzählt Ivo, ein fiktiver österreichischer Nationalspieler mit bosnischen Wurzeln, mittlerweile in der englischen Premier League aktiv, herb und scharfsinnig aus seinem Leben. Er verdient 100.000 Euro in der Woche, lässt sich wieder mit seiner Jugendliebe ein, lästert über deutsche Nationalspieler und hält Lionel Messi für eine "Ratte".

ZEIT ONLINE: Herr Schachinger, Sie haben einen Roman über einen Profifußballer geschrieben. Jeder, der das Buch liest, fragt sich: Wer könnte Ivo sein? Welchem existierenden Fußballer ähnelt er am meisten?

Tonio Schachinger: Als Schriftsteller und Germanistikstudent sage ich natürlich, dass eine Figur nie irgendwem nahekommt, eine Figur ist eine Figur. Und wenn Ihre Kollegen sich dann entscheiden, ein Foto von Marko Arnautović zur Bebilderung einer Rezension zu verwenden, freut mich das einerseits, weil ich ein großer Fan von ihm bin, aber mir ist auch klar, dass man das nicht so direkt sehen darf.

ZEIT ONLINE: Aber Parallelen sind erkennbar ...

Schachinger: Ja, aber die gibt es auch zu anderen Spielern. Arnautović ist in Deutschland bekannter als andere österreichische Fußballer, deswegen kommt er einem öfter in den Kopf. Aleksandar Dragović spielt jetzt zwar bei Leverkusen, aber ist nicht ganz so bekannt. Und Ivica Vastić kennt sowieso niemand in Deutschland. Es sind bewusst ganz verschiedene Geschichten von verschiedenen Spielern drin. Eine Passage, wie Ivo seine Frau in Basel kennengelernt hat, bezieht sich auf Ivan Rakitić. Er hat mal in einem Interview erzählt, dass er in eine Hotelbar kommt und sich entscheidet, dort einen Vertrag zu unterschrieben, weil er sich in die Kellnerin verliebt hat.

Toni Schachinger wurde 1992 in Neu-Delhi geboren, aufgewachsen ist er in Nicaragua und Wien. Er studiert Germanistik an der Universität Wien und Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. „Nicht wie ihr“ ist sein erster Roman.

ZEIT ONLINE: Abgesehen von Klatschgeschichten ist das Profifußballgeschäft ein geschlossener Kosmos. Wie haben Sie recherchiert?

Schachinger: Das ist eigentlich ein Bereich, in den man gar keinen Einblick hat. Alles, was man als Außenstehender wahrnimmt, ist gesteuerte Kommunikation. Ich habe viel recherchiert, aber ich habe kein Insiderwissen. Ich habe nicht mit jemandem aus der Premier League gesprochen und der hat mir gesagt: So geht das zu. Der Roman ist eher so geworden, wie ich mir das alles vorstelle, auf Basis der Selbstdarstellungen und Recherchen.

ZEIT ONLINE: Ihre Hauptfigur Ivo ist ein österreichischer Nationalspieler mit bosnischen Wurzeln, einfache Verhältnisse. Sie sind Sohn eines Diplomaten. War es schwierig, sich in Ivo hineinzuversetzen? Gedanklich? Sprachlich?

Schachinger: Sprachlich gar nicht so. So reden jüngere Menschen in Wien quer durch verschiedene Milieus. Ansonsten ging es mir weniger um die konkrete Herkunft, ob er nun Bosnier ist oder nicht, sondern um das Gefühl, in Wien aufzuwachsen und sich einerseits sehr heimisch zu fühlen und andererseits eben nicht ganz.

ZEIT ONLINE:  Ivo findet deutliche Worte über den Fußball und andere Spieler. Gerade deutsche Fußballer müssen tapfer sein. Sie seien "seelenlose Maschinen", die "500 Pässe spielen können mit einer Quote von 94 Prozent, aber keinen einzigen, der ihnen selbst einfällt". Namentlich erwähnt werden Leon Goretzka, Timo Werner, Max Meyer. Von Manuel Neuer heißt es, "wenn man ihm was anderes aufgetragen hätte, würde er es genauso gut machen".

Schachinger: Ivo hat von sehr vielen Menschen eine schlechte Meinung. Die einen, über die er negative Sachen sagt, erinnern ihn an sich selbst und an Seiten an sich, die er nicht mag. So wie Paul Scharner, der am meisten abbekommt. Die andere Perspektive ist eher eine fußballromantische. Dass ihm Fußball etwas bedeutet, dass er durch Leute wie zum Beispiel Max Meyer nicht verkörpert sieht. Da hätte man noch viele andere junge deutsche Spieler nennen können.

ZEIT ONLINE: Worin genau besteht die Kritik an diesen Fußballern?

Schachinger: Ivo richtet sich gegen den Professionalismus und gegen diese Menschen, die sich, anders als er, einverstanden erklären mit den Mechanismen der Fußballwelt. Mitspielen müssen sowieso alle, auch Ivo, und tun, was man ihnen sagt. Aber er behält sich zumindest das Recht vor, nicht alles okay zu finden.

ZEIT ONLINE: Sind Sie auch ein Fußballromantiker?

Schachinger: Ja, mir gibt es nichts, PSG gegen ManCity in der Champions League zu schauen. Mir ist sehr viel von dem, wie sich die Fußballwelt entwickelt hat, sehr unangenehm.

ZEIT ONLINE: Was besonders?

Schachinger: In Deutschland ist es noch einigermaßen in Ordnung, weil die Fans zu erschwinglichen Preisen ins Stadion gehen können und weil die Stadien etwas zu tun haben mit dem Verein und den Menschen um sie herum. Nicht wie in England, wo nur Touristen und Superreiche ins Stadion kommen.