Die große Mehrheit der Jugendlichen weltweit bewegt sich zu wenig, das geht aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. Wer zwischen 11 und 17 Jahre alt ist, sollte sich mindestens eine Stunde pro Tag bewegen. In Deutschland schaffen das 79,7 Prozent der Jungen und sogar 87,9 Prozent der Mädchen nicht. Auch Kristin Manz vom Robert Koch-Institut beschäftigt sich mit diesem Thema.

ZEIT ONLINE: Frau Manz, decken sich die Ergebnisse der WHO-Studie mit Ihren Beobachtungen?

Kristin Manz: Ja. Wir haben uns in unserer KiGGS-Studie mit der gleichen Fragestellung beschäftigt. Es zeigte sich, dass 74 Prozent der Kinder und Jugendlichen diese Empfehlung nicht erreichen. Mädchen noch seltener als Jungs, insbesondere Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren, da sind es nämlich 92 Prozent.

ZEIT ONLINE: Warum bewegen sich Kinder und Jugendliche nicht ausreichend?

Manz: Die Gründe können sehr vielfältig sein. Jugendliche befinden sich in einer besonderen Lebensphase mit sehr hohen Anforderungen. Sie sind häufig im Schul- oder Ausbildungssystem und, wenn sie in der Pubertät sind, auch in einer Lebensphase, in der viel passiert, in der viele Umbrüche stattfinden und in der sie sich eventuell auch abwenden von Verhaltensweisen und Gewohnheiten, die ihnen mal vorgelebt wurden.

ZEIT ONLINE: Warum noch?

Manz: Sie leben auch in einer Lebenswelt, die Inaktivität sehr begünstigt. In der Schule muss eben viel gesessen werden. Und unser aller Leben ist beispielsweise stark auf motorisierten Verkehr ausgelegt. 

ZEIT ONLINE: Es werden auch digitale Medien als Ursache für fehlende Bewegung genannt.

Manz: Mir sind keine Studien bekannt, die belegen, dass digitale Medien die Ursache sind. Wenn eine sehr hohe Mediennutzung besteht, also mehr als sechs Stunden am Tag, dann steht die in Konkurrenz zum Bewegungsverhalten. Das hat sich gezeigt. Allein schon dadurch, dass die Stunden eines Tages begrenzt sind. Aber es ist auch möglich, 90 Minuten am Tag zum Sportverein zu gehen und danach trotzdem stundenlang mit dem Handy zu spielen. Digitale Medien und Sport stehen also nicht zwingend in Konkurrenz, sondern können auch parallel auftreten.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Studie von 2007 konnten Sie zeigen, dass etwa 86 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht eine Minute auf einem Bein stehen konnten oder mehr als 40 Prozent bei einer Rumpfbeuge nicht mit den Händen auf den Boden kamen. Ist das noch schlimmer geworden?

Manz: Nein, es gab mal einen positiven Trend, was die motorische Leistungsfähigkeit angeht. Aber in den vergangenen Jahren ist das wieder stagniert. Es gibt also keine positive Weiterentwicklung, aber auch keine negative.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die viel geäußerte Vermutung, dass deutsche Kinder immer unsportlicher werden, geben die Zahlen nicht her.

Manz: Nein. Auch die Zahlen von Beteiligung an Sport zum Beispiel sind überwiegend stabil. Aber: Die Folgen eines Bewegungsmangels sind natürlich erst in späteren Lebensphasen sichtbar.

ZEIT ONLINE: Wie?

Manz: Körperliche Inaktivität erhöht das Risiko für die Entstehung körperlich nicht übertragbarer Erkrankungen, also beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Oder die Entstehung von Diabetes Typ II oder Übergewicht oder Bluthochdruck. Es besteht auch ein Zusammenhang mit der Entstehung einiger Krebsarten.

ZEIT ONLINE: Ist das Problem nur der Sport, der nicht getrieben wird, oder geht es ganz generell auch um Bewegung?

Manz: Beim Erreichen der Bewegungsempfehlung geht es um jegliche Form der Bewegung, die mindestens eine moderate Intensität hat, bei der also der Herzschlag erhöht ist und man ein bisschen außer Atem kommt. Das muss nicht automatisch gezieltes Sporttreiben sein. Es ist also nicht gefordert, dass die Kinder täglich 60 Minuten Sport machen, sondern es sollten auch Alltagsaktivitäten stattfinden. Nur in dieser Kombination ist diese Empfehlung zu erreichen. Wir haben gesehen, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem im Alltag weniger bewegen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Manz: Sie gehen zum Beispiel seltener zu Fuß oder nehmen das Fahrrad. Dabei würden 15 Minuten mit dem Rad zur Schule und zurück schon helfen. Dann hätte das Kind die Hälfte der Bewegungsempfehlung pro Tag erreicht. Wenn dann noch nachmittags aktiv gespielt wird oder die Bewegungszeit in der Schule hinzukommt, dann wirken diese 60 Minuten auch gar nicht mehr so lang.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit zur Schule laufen?

Manz: Das sollte dann schon etwas flotter sein, aber dann würde es auch dazuzählen.