Für die NFL-Scouts, die es verpasst haben: Es gibt die etwas länger als eine Stunde dauernde Trainingseinheit von Colin Kaepernick zum Nachschauen auf Video. Der Quarterback, der seit drei Jahren auf ein neues Team wartet, stretchte sich am Samstag erst ausgiebig, warf dann ein paar Bälle und trug ein T-Shirt, auf dem der Name Kunta Kinte stand. Der soll ein 1767 aus Gambia in die USA entführter Sklave gewesen sein, der mehrfach vor seinen Besitzern flüchtete und dem deshalb ein Teil des Fußes abgehackt wurde. Ein Rebell, von den Weißen unterdrückt und bestraft.

Natürlich kein Zufall, dass Kintes Name Kaepernicks Brust zierte. Kaepernick weiß, wie er Botschaften platzieren muss. Der 32-jährige sieht sich als Ausgestoßener, seit er 2016 während der US-Nationalhymne vor den NFL-Spielen kniete, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren, die sich vornehmlich gegen Schwarze richtet. Nach der Saison wurde er entlassen und es fand sich seitdem kein Teambesitzer, der ihn aufnehmen wollte.

Der NFL ist diese Geschichte sichtlich unangenehm. Im Frühjahr einigte sie sich außergerichtlich mit Kaepernick und zahlte ihm einen Schadensersatz in Millionenhöhe. Kaepernick hatte geklagt, weil er sich arbeitsrechtlich benachteiligt sah. Und am vergangenen Samstag bot die NFL dem Superstar im Wartestand die Möglichkeit, sich bei einem Training allen NFL-Scouts zu zeigen. Und seine Qualitäten als Spielmacher: Er führte sein Team in seiner ersten Saison im Februar 2013 bis zum Super Bowl und nicht wenige glauben, er sei besser als viele derzeit aktive Quarterbacks.

Das Training am Samstag war nur wenige Tage zuvor anberaumt worden und die NFL ließ Kaepernick nur zwei Stunden Zeit, zu antworten. Er sagte zu. Über alles andere stritt man sich aber in den folgenden Tagen: über die Uhrzeit, wer die Videoaufnahmen machen würde, wer zuschauen durfte und die Klausel, dass Kaepernick nach diesem Training die NFL nicht wieder verklagen würde.

Als alles klar schien, änderte Kaepernick eine Stunde vor dem angesetzten Start den Trainingsort und ließ die 25 angereisten Scouts auf dem Gelände der Atlanta Falcons sitzen. Zum von ihm gewählten Ort, einem kleinen Platz einer Highschool am anderen Ende von Atlanta, kamen immerhin noch acht Scouts. 

So etwas gab es noch nicht

Die NFL hat Skandale und Verbrechen jeglicher Art erlebt und bewältigt: In 111 untersuchten Gehirnen verstorbener Spieler fand sie einst in 110 Fällen Anzeichen der Gehirnkrankheit CTE. Oder Michael Vick. Auf dem Gelände des Quarterbacks fand man 2007 mehr als 60 Hunde, die für illegale Kämpfe abgerichtet waren, einige Verlierer starben auf grausame Art und Weise. Vick pausierte zwei Jahre lang und musste 23 Monate in Haft. Dann aber spielte er wieder.

Es gibt Clickbaitlisten, die heißen "Neun Athleten, die wegen Mordes verurteilt wurden", und auch in der Rangliste "Die 20 schlimmsten Verbrecher der NFL-Geschichte" finden sich von Kokain bis Vergewaltigung hässliche Dinge. Trotzdem ist Football bis heute der beliebteste Sport der USA.

Der Fall Kaepernick allerdings beunruhigt die Sportmanager. In der kühlen NFL-Logik ist es ein Unding, dass der Quarterback erst zur Menschenrechtsikone wurde, als er nicht mehr Teil der Liga war. Upton Bell, der Sohn des früheren Comissioners Bert Bell, sagte: "Ich verfolge die NFL seit 74 Jahren, doch so etwas habe ich noch nie gesehen. Wäre es auf kein ernstes Thema, es wäre feinste Slapstickcomedy."