Game, Set, Match nachts um vier – Seite 1

Als die Italiener und US-Amerikaner endlich fertig waren, verkündete der offizielle Twitter-Account des neuen Davis Cups stolz: "Unglaublich! Das ist das zweitspäteste Ende einer Davis-Cup-Begegnung in der Historie des Wettbewerbs." Es folgten: wenig nette Antworten der Tennisfans. Um 4:04 Uhr am frühen Donnerstagmorgen endete das abschließende Doppel im Gruppenmatch zwischen den USA und Italien, zugunsten der Amerikaner Jack Sock und Sam Querrey übrigens. Spät, sehr spät, viel zu spät. Ballwechsel zu nachtschlafender Zeit sind aber nicht das Einzige, was nicht so recht passt beim reformierten Davis Cup.

Das Welttennis und seine Entscheidungsträger haben sich Ende 2019 in eine hochkomplexe Lage manövriert. Ein vom Profifußballer Gerard Piqué angeführtes, finanzstarkes Konsortium hat 2018 eine radikale Reform des prestigeträchtigen Teamwettbewerbs mit einer knappen Zweidrittelmehrheit im Weltverband (ITF) durchgedrückt. Im Gegenzug versprach das Konsortium namens Kosmos, zu dessen Geldgebern unter anderem der japanische Internetmilliardär Hiroshi Mikitani zählt, drei Milliarden US-Dollar in den kommenden 25 Jahren in den Wettbewerb, den Weltverband und dessen Mitgliedsstaaten zu investieren. Der finanziellen Versuchung, das ist mittlerweile überliefert, verfielen vor der Abstimmung auch einige Entscheider. Von Zuständen wie bei der Fifa war in der Folge mehr als einmal zu lesen

Trotz großen Widerstandes von Fans und zahlreichen Spielern wurde im Zuge der Reform der Modus des Wettbewerbs, den Deutschland in der Ära von Boris Becker und Michael Stich dreimal gewann (1988, 1989, 1993), radikal verändert. Der K.-o.-Modus in der Weltgruppe mit den besten 16 Nationen und der oft legendären, lauten, manchmal fast an Fußball erinnernden Heim- und Auswärtsspielatmosphäre wurde eingetauscht gegen ein Finalturnier mit 18 Teams, die ihren Sieger an einem Ort innerhalb einer Woche küren. Zuvor gab es lediglich eine Qualifikationsrunde. Auch die Spiellänge wurde verkürzt. Seit diesem Jahr müssen Spieler – anders als bei den Grand Slams – nur noch zwei Sätze gewinnen, um einen Punkt für ihr Land zu ergattern.

Modus, Rahmenbedingungen und Umsetzung mangelhaft

Seit der Entscheidung gibt es nur noch zwei Lager. Kritiker und Befürworter der Reform. Egal ist sie niemandem. Dementsprechend wurden Kosmos und der Weltverband von den Kritikern mit Häme überzogen, als das Match zwischen den USA und Italien bis tief in die Nacht lief. Selbstredend waren das für Spieler, die am nächsten Tag schon wieder Höchstleistungen bringen sollten, aber auch für die Zuschauer nicht haltbare Zustände. Schlimmer noch aus Sicht der Verantwortlichen: Das eigentliche Ziel wurde konterkariert. Eigentlich war angedacht, den Wettbewerb für TV-Macher, Fans und Spieler planbarer und weniger strapaziös zu gestalten und ein breiteres Publikum zu finden.

Stattdessen verharrten nur noch wenige Zuschauer auf den Rängen. TV-Bilder interessieren um diese Uhrzeit niemanden, zumal das Turnier in Deutschland, Spanien und den USA nur im Pay-TV oder auf Streamingplattformen zu sehen ist. Nach wenigen Tagen und der abgeschlossenen Gruppenphase steht fest: Der Modus, die Rahmenbedingungen in Madrid und die Umsetzung von Kosmos sind mangelhaft.

Einen Wettbewerb mit 18 Teams innerhalb einer Woche durchzuführen, galt schon im Vorfeld als ambitioniert. Pro Begegnung waren je zwei Einzel und ein Doppel hintereinander angesetzt. Auf den drei in Madrid zur Verfügung stehenden Courts fanden pro Tag zwei Begegnungen statt. Durch die für diese Anzahl an Matches sehr späte Startzeit von 11 Uhr begannen die für 18 Uhr angesetzten Begegnungen oft deutlich später. Kosmos hat die Unwägbarkeiten bei der Dauer von Matches grundlegend unterschätzt. Vor Ort ist von fehlender Tennisexpertise die Rede. Piqués Team sei zu unerfahren; sein Chief Executive in Madrid, Javier Alonso, mache lediglich Schlagzeilen durch sein arrogantes Auftreten.

"Brutal", nennt Deutschlands Spitzenspieler Jan-Lennard Struff diese späte Ansetzung. Er wollte das neue Event eigentlich neutral angehen. "Aber die Spielzeiten und Ansetzungen waren natürlich zu heftig. Für uns Spieler geht das nicht, wenn wir am nächsten Tag gefordert sind", sagt der Weltranglisten-35., der Deutschland mit Philipp Kohlschreiber und den French-Open-Siegern im Doppel, Kevin Krawietz und Andreas Mies, nach Siegen gegen Argentinien und Chile überraschend souverän ins Viertelfinale geführt hat. Dort wartet am Freitagabend Großbritannien mit Andy Murray (ab 17:30 Uhr live auf DAZN). Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev hatte seine Teilnahme ob des veränderten Modus bereits vor einem Jahr abgesagt. Dennoch hatte er das DTB-Team in der Qualifikationsrunde im Februar gegen Ungarn angeführt. In dieser Woche aber spielt er lieber mit Roger Federer Showkämpfe in Südamerika.

Den Fans ist es zu kalt

Die Verantwortlichen des Davis Cups reagierten schnell und rückten die Partien eine halbe Stunde nach vorn, außerdem verkürzten sie die Pausen. Das erste Viertelfinale zwischen Australien und den Kanadiern endete so schon um kurz nach Mitternacht.

Roger Federer will mehr Macht

Größere Schwierigkeiten haben die Fans. Es gibt keine Aufenthaltsräume für die Zuschauer, keine Fanzone. Vor den Courts gibt es keine TV-Bildschirme, keine Leinwände, die Fans mit den neuesten Zwischenständen versorgen. Was in erster Linie auch daran liegt, dass weder die Website des Events noch die eigens entwickelte Livescore-App auch nur ansatzweise fehlerfrei funktionieren.

Die Anlage in Madrid ist zudem als Outdoorevent konzipiert. Hier findet jährlich im Frühjahr ein Masters-Turnier statt. Im November ist es für die Fans eigentlich zu kalt. Die Wärme der provisorisch aufgestellten Heizkörper im Wartebereich verpufft, die Umwelt leidet.

Aus dem Pressezentrum ist zu vernehmen, dass der Macher Gerard Piqué wenig souverän mit Kritik an seinem Event umgeht. Er schickte einem Journalisten, der sich über die fehlenden Livescores beschwerte, eine persönliche Nachricht, er solle die App einfach neu installieren. Auch auf Twitter reagiert er mit eigenen Sichtweisen auf Kritik. In der Innenverteidigung des FC Barcelona macht er in der Regel einen stabileren, souveräneren Eindruck.

Immerhin: Die Spieler fühlen sich gut behandelt. Struff etwa berichtet vom sehr bemühten und freundlichen Umgang der Verantwortlichen. "Und der Spielerbereich ist ihnen sehr gut gelungen." Jedes der 18 Teams hat einen eigenen Container auf der Anlage mit einem eigens eingerichteten Aufenthaltsbereich und individuell gestalteten Umkleiden. Die 18 U-Bahn-Stationen der Metrolinie drei zwischen Moncloa und Villaverde im Umkreis des Stadions haben die Veranstalter jeweils einem Teilnehmerland farblich gewidmet.

Es geht nur mit weniger Teams

Aber schon jetzt ist sicher: Der Modus muss überarbeitet werden. Will Kosmos das Event weiter innerhalb einer Woche durchführen, muss mit weniger Teams gespielt werden. Stimmen, die für ein Finalturnier mit nur acht Ländern plädieren, werden lauter. So könnten jene Kritiker zumindest ein wenig besänftigt werden, die sich K.-o.-Spiele mit Heimspielatmosphäre zurückwünschen. Denn bei den Finals fällt auf: Klassische Davis-Cup-Stimmung kommt nur bei den Spielen der Spanier mit Rafael Nadal auf. Bei den restlichen Partien geben kleine Fangruppen ihr Bestes. An Länderspielatmosphäre kommt das aber nicht heran.

Ein weiteres Problem ist der Termin, zugleich Symbol der Komplexität der Tenniswelt in diesen Monaten. Piqué und Kosmos bevorzugten von jeher einen früheren Termin – nach den US Open im September. Den blockieren seit drei Jahren aber Roger Federer und dessen Manager Tony Godsick mit dem neu geschaffenen Laver Cup, einem Vergleich zwischen Team Welt und Team Europa, angelehnt an den Ryder Cup im Golf. Das Event, das der amerikanische und australische Tennisverband mit viel Geld und vielen Mitarbeitern unterstützen, funktioniert dank hoch professioneller, moderner Umsetzung. Und weil alle Topspieler jeweils für hohe fünfstellige Antritts- und Siegprämien als vereintes Team antreten.

Roger Federer strebt mit seiner Agentur Team8 mehr Macht an. Dass der Davis Cup den Zuschlag für den früheren Termin erhält, gilt daher als unwahrscheinlich. Die Spielerorganisation der Männer, ATP, unterstützt den Laver Cup. Und als wäre das nicht schon alles komplex genug, hat die ATP einen eigenen Teamwettbewerb kreiert. Der ATP Cup steigt erstmals im Januar vor den Australian Open.