Die deutsche Fußballnationalmannschaft will künftig bei der Auswahl von Länderspielreisen stärker die politische und gesellschaftliche Lage im Gastgeberland berücksichtigen. "Wir müssen innerhalb des deutschen Fußballs gemeinsam in den Diskurs gehen, um komplexe Fragen differenziert zu beantworten. Welche Werte sind für uns unverhandelbar? Zum Beispiel Frauenrechte", schreibt der neue DFB-Präsident Fritz Keller in einem Beitrag für die Welt.

Er habe in seiner ersten Präsidiumssitzung eine Beschlussvorlage eingebracht, "auf deren Grundlage wir keine Auswahlmannschaften mehr zu Spielen in Ländern antreten lassen, in denen Frauen nicht gleichberechtigt und frei von Diskriminierung Zugang zu Fußballstadien oder anderen Sportstätten gewährt wird". Dieser Vorschlag sei einstimmig vom DFB-Präsidium angenommen worden.

Zugleich regte Keller eine Grundsatzdebatte über die Rolle des Fußballs an. "Wir benötigen einen übergreifenden Grundkonsens als gemeinsame beständige Gesprächsgrundlage im deutschen Fußball – um uns nicht von denen spalten zu lassen, die den Fußball für ihre Zwecke missbrauchen wollen", schrieb er.

Die Likes von Can und Gündoğan

Keller bezog sich dabei auch auf den Wirbel um Social-Media-Likes der deutschen Nationalspieler İlkay Gündoğan und Emre Can rund um das EM-Qualifikationsspiel gegen Estland. Damals hatten die beiden Nationalspieler bei Instagram ein Foto von türkischen Fußballern favorisiert, die nach dem Tor von Cenk Tosun zum 1:0 im Spiel der Türkei gegen Albanien mit der Hand an der Stirn salutierten. Die türkischen Fußballer wollten damit ihre Solidarität mit den Soldaten demonstrieren, die an der international verurteilten Militäraktion der Türkei gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien im Einsatz waren. Gündoğan und Can hatten ihre Likes nach Protesten zurückgezogen.

Als DFB-Präsident habe er sich bewusst entschieden, sich mit öffentlichen Äußerungen dazu zurückzuhalten, schrieb Keller. "Denn das Thema ist für hektische Schnellschüsse zu wichtig und ernst. Wie viele moderne multikonfessionelle und multiethnische Gesellschaften, nicht nur in Deutschland, muss auch der DFB seinen Weg erst tastend suchen."

Doch an der "erneuten Diskussion" seien Gündoğan und Can "nicht unschuldig", schrieb Keller. "Mit sensiblen Themen muss man auch bei Social Media sensibel umgehen. So viel darf man erwarten." Auch der DFB müsse sich jedoch "kritisch hinterfragen, ob wir im Umgang mit dem Thema alles richtig machen".  In Integrationsfragen habe der Verband in den vergangenen Jahren "vieles richtig" gemacht, aber "auch Fehler".

In seinem Beitrag schrieb Keller auch, dass die "gesamte deutsche Gesellschaft" überfordert sei bei den Fragen, wie Integration gelingen könne. "Was kann und muss jeder Einzelne und jede Einzelne von uns dazu beitragen? Wie zum Beispiel umgehen mit der Türkei unter Erdoğan? Vor diesem Hintergrund ist es zu viel verlangt, dass ausgerechnet zwei Fußballnationalspieler mit türkischen Wurzeln die perfekte Lösung präsentieren sollen, die ein ganzes Land nicht findet." Es gebe keine einfachen und erst recht keine schnellen Lösungen.