Zu dieser Musik tanzten sogar manche der Ordner mit. "Celebrate good times, come on! Let's celebrate!", lief nach dem Abpfiff, als die deutsche Elf eine Ehrenrunde drehte. Lasst uns eine gute Zeit haben! Bei der Nationalmannschaft läuft jetzt Kool & the Gang statt Olli Pocher. Das nennt man mal ein musikalisches Upgrade. Ein Hoch auf DJ Bierhoff, oder wer auch immer beim DFB dafür verantwortlich ist. "We're gonna have a good time tonight. Let's celebrate, it's all right!"

Endlich wieder eine gute Zeit, endlich wieder was zu feiern für die deutsche Elf. Nach so vielen Niederlagen. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 schied sie in der Vorrunde aus, ein paar Monate darauf stieg sie aus der Nations League ab (was die Uefa durch eine Wettbewerbsreform nachträglich aufhob), in diesem September unterlag sie im Heimspiel den an diesem Abend deutlich besseren Niederländern. Zudem handelte sich der Trainer Jogi Löw Ärger ein, weil er die drei Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus heiterem Himmel ausmusterte. Und das, ohne Not, für immer.

EM-Qualifikation gemeistert

Nun, nach dem 4:0 gegen Belarus, hat die deutsche Nationalmannschaft einen Spieltag vor dem Ende die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 gemeistert. Das mag beinahe eine Selbstverständlichkeit sein, weil inzwischen der halbe Kontinent an dem Turnier teilnimmt, und Deutschland Mannschaften wie Estland und Nordirland hinter sich lassen sollte. Doch es sollen ja schon Favoriten gescheitert sein. Und inzwischen stehen die Deutschen durch das gleichzeitige Remis Hollands sogar auf Platz 1.

Im entscheidenden Spiel gefielen insbesondere die letzten drei im Kader verbliebenen Weltmeister: Toni Kroos zeigte sich auffällig inspiriert. Deutschlands bestem Fußballer unterlief in seiner 90-minütigen Regieführung so gut wie kein Ballverlust. Auch wurde er mehrfach im Strafraum gesichtet, einer Zone, die er in seinem Verein Real Madrid kaum noch betritt, weil andere diese anstrengende Aufgabe übernehmen. Diesmal gelang ihm der Treffer zum 3:0, als er frei zum Schuss kam. Und das 4:0 war die beste Szene des Spiels. Kroos drehte sich um den ersten Gegenspieler, manövrierte durch eine Täuschung den zweiten aus und traf schließlich mit links.

In einer weiteren Hauptrolle überzeugte Matthias Ginter. Der Abwehrstiel aus Mönchengladbach brachte durch eine bislang von ihm unbekannte Bewegung mit einem bislang unbekannten Körperteil sein Team in Führung, indem er mit dem Rücken zum Tor per Hacke den Ball ins Netz lenkte. Das dürfte die unerwartetste Entpuppung im deutschen Fußball gewesen sein, seit Guido Buchwald mit einem Übersteiger im WM-Achtelfinale 1990 die Holländer foppte. Seitdem hieß er Diego. Mal sehen, welchen Spitznamen Ginter, der sogar an der Entstehung des zweiten und dritten Tors beteiligt war, nun erhalten wird.

Eine überraschend anwesende Blaskapelle im deutschen Block pustete für Ginters Wundertat extra laut den Fußballhit Seven Nation Army, dann den italienischen Gassenhauer Volare. Bongos und andere Perkussionsinstrumente hatten sie auch dabei, und der filigrane Drummer hatte nicht nur Marschmusik drauf. Die deutschen Fans fingen trotzdem an, wie sollte es anders sein, mitzuklatschen. Eine "Instinkthandlung auf einen Schlüsselreiz" nennt das die Verhaltensforschung. So soll bei manchen Fröschen ein nah vorbeifliegendes Objekt auslösen, dass die Zunge herausschnellt.

Belarus war engagiert, aber fast mittellos

Immerhin wurde kein Schunkeln beobachtet beim Fan Club Nationalmannschaft. Dafür ein Transparent mit der Aufschrift: "Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen." Das ist nicht von Coelho, sondern von Walt Disney. Er war offenbar ein talentierterer Zeichner als Dichter.