Was ist schwieriger: aus nichts etwas oder aus gut hervorragend zu machen? Im deutschen Fußball gilt es als die größere Leistung, Freiburg oder Mainz in der Bundesliga zu halten oder mit Großaspach von der Fünften in die Dritte Liga aufzusteigen. Das sei mehr wert, als mit Bayern München Erfolg zu haben, denn den bekommt angeblich sogar der Hausmeister hin. Die sieben Bayern-Titel 2013 bis 2019 unter vier Trainern haben diesen Glauben verstärkt.

Das Ende des Trainers Niko Kovač in München hat diesen Glauben als Legende enttarnt. Nach dem 1:5 in Frankfurt hat sich der FC Bayern am Sonntag von ihm getrennt. Niemand ist überrascht, viele Bayern-Fans sind erleichtert, manch Experte hatte vor der Saison darauf getippt. Dabei wurde Kovač im Vorjahr Meister und Pokalsieger. Von wegen einfacher Job! Nur die besten Trainer der Welt können in München überstehen.

Vor seiner Zeit in München hatte sich Kovač in Frankfurt scheinbar für höhere Aufgaben empfohlen. Die Eintracht Frankfurt rettete er vor dem Abstieg und machte sie zum Pokalsieger. Doch verhält es sich bei Trainern wie bei Spielern: Nur weil jemand in Frankfurt herausragt, muss er noch lange nicht gut genug für München sein.

Skeptiker wiesen von Anfang an auf Kovačs Stil hin, den er auch schon als glückloser Nationaltrainer Kroatiens beherzigte: kerniger Kämpferfußball, mehr Mentalität, weniger Taktik. Kovač ist kein durchschnittlicher Trainer, steht aber für Durchschnittsfußball. Womöglich wäre er für viele deutsche Vereine ein guter Mann, weil man mit diesem Vintagestyle in der Bundesliga weit kommen kann.

Doch der FC Bayern misst sich nach den Erfolgen inzwischen an internationalem Standard, er verpflichtet Stars aus der ganzen Welt. Und da fängt die komplizierte Aufgabe an. Ein Bayern-Trainer sollte die vielen Feinheiten auf dem Platz erkennen, von denen es in München nun mal mehr gibt:

  • Was macht Niklas Süle so besonders und was fehlt ihm zur Weltklasse?
  • Wieso kommt Joshua Kimmich nicht an Philipp Lahm heran?
  • Wie kommen die Stärken Serge Gnabrys auf den Platz und welche Grenzen hat er?
  • Wie setzt man den Weltklassetorjäger Robert Lewandowski in Szene, sodass seine mittelmäßige Ballmitnahme nicht ins Gewicht fällt?
  • Wie muss man das Setting gestalten, damit Philippe Coutinho seine technische Klasse in den Dienst der Mannschaft stellt?
  • Welche Position kann Leon Goretzka am besten?
  • Und ist Thomas Müller wirklich gar nicht mehr zu gebrauchen?

Fußball spielen können alle in München. Doch zu unterscheiden, wer die Anlage zur Spitzenklasse hat und wer "nur" gut ist, ist eine unterschätzte und beinahe aus der Mode gekommene Fähigkeit. Kovač fand in seinen Aufstellungen oder Analysen auf diese Fragen keine klaren, manchmal gar widersprüchliche Antworten.

Von Guardiola schwärmten die Spieler

Da hatte ihm der Altmeister Jupp Heynckes etwas voraus, der zum Beispiel auch genau wusste, welche der Spieler, die ihm der Sportvorstand Matthias Sammer vorschlug, für Bayern geeignet waren und welche nicht. Auch der italienische Schweiger Carlo Ancelotti, der zwar nach ähnlich kurzer Zeit wie Kovač in München vom Hof gejagt, aber immerhin mit fünfzehn Punkten Vorsprung Meister wurde, hatte ein scharfes Auge für die Unterschiede zwischen 24 und 23,2 Karat.

Ganz zu schweigen von Pep Guardiola, der in seinen drei Jahren in München darüber hinaus den Spielern eine Idee vermittelte, von der sie heute noch schwärmen. Er feilte täglich an Details. Mit Abwehrdrills gab er der Viererkette Stabilität. Auf dem Trainingsplatz schraubte er ständig an der Mittelfeldstaffelung. Vor allem zeigte er seiner Offensive, wie sie einen Gegner ausspielt, der hinten drinsteht. Wer die Bayern unter Kovač beobachtete, sah hingegen oft, wie sich die Stürmer ihre Räume zustellten.