Uli Hoeneß' Gesicht ist ein verlässliches Barometer für die Stimmung beim FC Bayern. Für die vielen Rottöne bräuchte man mehr Worte als die deutsche Sprache hergibt. Gefährlich wird es, wenn Hoeneß' Blick abkühlt wie in Frankfurt vor zwei Wochen. Wenn die Mundwinkel leicht nach unten fallen und die Augen sich zu kantigen Schlitzen verengen.

5:1 gingen seine Bayern unter, es war die höchste Niederlage seit mehr als zehn Jahren. Zwar in Unterzahl, aber wenn Bayern München gegen einen anderen deutschen Verein derart hoch verliert, verschieben sich im deutschen Fußball Erdplatten. Am nächsten Tag musste der Meistertrainer Niko Kovač gehen.

An diesem Freitag wird Uli Hoeneß, der bedeutendste Manager der deutschen Sportgeschichte, auf der Jahreshauptversammlung als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern zurücktreten. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Verein nach neuer, alter Größe sucht, geht der Mann, der mit seiner einmaligen Mischung aus sportlicher und wirtschaftlicher Kompetenz, aus Wurschtigkeit und Durchsetzungskraft, den Verein zu einem Global Player geformt hat.

Der FC Bayern blickt zurück auf eine sehr erfolgreiche Dekade, die beste seit den Siebzigern, als Franz Beckenbauer aus Giesing, Sepp Maier aus Anzing und Gerd Müller aus Nördlingen viele Jahre zusammenblieben und alles gewannen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Das war der erste Gipfel der Vereinsgeschichte.

Bundesliga - Das Ende der Ära Hoeneß Uli Hoeneß tritt als Präsident des FC Bayern ab. Neben zahlreichen sportlichen Erfolgen wird wohl auch seine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung in Erinnerung bleiben. © Foto: Angelika Warmuth/dpa

Ein nationales Monopol

Der zweite liegt erst kurz zurück. Von 2010 bis 2019 holten die Bayern acht von zehn deutschen Meisterschaften, zuletzt sieben hintereinander. Dreimal erreichten sie das Champions-League-Finale, das sie 2013 gewannen. Philipp Lahm aus Gern, einem Münchner Vorort, stemmte den Pokal, neben ihm standen Bastian Schweinsteiger aus Oberaudorf und Thomas Müller aus der oberbayerischen Region Pfaffenwinkel.

Man könnte leicht vergessen, dass die Bayern nicht immer der Alleinherrscher der Bundesliga waren. Als sie vor dem Debakel in Frankfurt zuletzt 1:5 verloren, im April 2009 in Wolfsburg, wurden sie von Jürgen Klinsmann trainiert. Mit seinem Namen verbindet der Bayernfan keinen Erfolg, um es vorsichtig zu sagen. In den Nullerjahren wurden sie "nur" sechsmal Meister, in den Neunzigern viermal. Und zwischen dem letzten Europapokalsieg der Beckenbauer-Elf 1976 und dem ersten Champions-League-Titel des Vereins lag ein Vierteljahrhundert.

Dass der FC Bayern oben steht, ist also kein Naturgesetz. Auch daran hat die Klatsche von Frankfurt erinnert. National mag sich der Verein ein Monopol erarbeitet haben, eine Woche später folgte die Demütigung des stärksten Rivalen der Gegenwart, das 4:0 gegen Borussia Dortmund.

Mia san mia: verschlagen, arrogant, siegreich

Doch im europäischen Vergleich befindet sich der Verein nicht erst seit dieser Saison in einem leichten, aber steten Sinkflug. 2016 ging Pep Guardiola, der Trainer, von dem die Spieler schwärmen. Ein Jahr später beendete der Kapitän Lahm seine Karriere, ein Jahr vor seinem Vertragsende, vielleicht, weil er wusste, dass der Fußball der Bayern an Substanz verliert. Von 2012 bis 2017 konnte man die Bayern durchgehend zu den drei besten Teams Europas zählen. Wenn sie scheiterten, dann knapp, und gegen die Besten. Im Frühjahr 2019 verloren sie im Achtelfinale gegen Liverpool, in zwei Spielen schossen sie nicht ein einziges Mal aufs Tor.

Die Clubs aus Madrid, Turin, Paris und Manchester sind halt noch reicher als der FC Festgeld. Doch am Geld allein liegt es nicht, das weiß man in München, wenigstens spürt man es. Um die europäische Konkurrenz hinter sich zu lassen, brauchte der Verein schon immer bessere Ideen oder bessere Führung.

Und vor allem eine Identität. Die hat in München einen Namen und wird von vielen Bayernfans so sicher buchstabiert wie der eigene Namen: Mia san mia, was so viel bedeutet wie burschig, verschlagen, ein bissl arrogant, siegreich. Und lokal verwurzelt, eben Giesing, Oberaudorf, Pfaffenwinkel.