Vermutlich werden alle anfangs erst einmal staunen, wenn sie die vollen Ränge in der Kultstätte des englischen Fußballs erspähen. Der Klassiker England gegen Deutschland im berühmten Wembley-Stadion (Samstag 18.30 Uhr, live auf Eurosport) sprengt für den Frauenfußball fast alle bisher bekannten Dimensionen. Vor fast genau fünf Jahren lockte die Partie bereits 45.619 Menschen an, nun werden es fast doppelt so viele sein. Alle 90.000 Tickets hat der englische Verband abgesetzt. Der zweitgrößte Zuspruch bei einem Frauenfußballspiel weltweit überhaupt, nur übertroffen von den 90.185 Besuchern, die 1999 zum WM-Finale USA gegen China in die Rose Bowl von Pasadena strömten.

"Es ist für alle etwas ganz Besonderes", sagte die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg und klang dabei fast ein bisschen aufgeregt. "Dass wir vor so einer Kulisse spielen dürfen, ist ein Geschenk. So etwas haben die Spielerinnen noch nicht erlebt", sagte die 51-Jährige. Ihre Maßgabe: "Frei von dem Ergebnisdruck wollen wir zeigen, dass wir eine tolle Mannschaft haben." Die wird übrigens von Alexandra Popp angeführt, die sich nur zwei Wochen nach einem Außenbandriss wieder fit gemeldet hat.

"Kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball"

Die Erklärung, dass ein Freundschaftsspiel mit dem englischen Star Lucy Bronze nur durch die verbilligten Eintrittspreise – Jugendliche bezahlten nur ein Pfund, Erwachsene maximal 20 Pfund – mehr Interessenten anlockt als ein EM-Qualifikationsspiel mit dem Vorzeigemann Harry Kane an selber Stelle, greift definitiv zu kurz. Geschicktes Marketing, sportliche Erfolge und nicht zuletzt die Ausrichtung der Frauen-EM 2021 in England haben das Interesse am Frauenfußball auf der Insel steigen lassen. "Solch ein Turnier löst etwas aus", glaubt Voss-Tecklenburg und erinnert an den Hype, der Deutschland vor der Frauen-WM 2011 durchzog.

Englands Frauen-Nationalteam spielt dabei die neue Lokomotive. Der Nationaltrainer Phil Neville hat den "Lionesses" nicht nur einen ansehnlichen Powerstil beigebracht, sondern auch viel Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gelehrt. In absehbarer Zeit sollen die ersten Titel folgen. Bei der WM 2015, EM 2017 und der WM 2019 schnitt England bereits besser ab als Deutschland. Und während der Olympiasieger wegen seines frühen WM-Ausscheidens in diesem Sommer bei den Spielen 2020 in Japan fehlt, darf Team England im Olympischen Fußballturnier für Großbritannien antreten. So wertet Sue Campbell, die Direktorin Frauenfußball, das ausverkaufte Wembley-Stadion zu Recht "als Beleg für ein Jahr voller Fortschritte – es ist nur angebracht, dass wir das Jahr auf einem Höhepunkt beenden."

DFB-Direktorin Heike Ullrich spendet "Gratulation und Anerkennung" für das, was in England gerade passiert: "Man spürt, dass das Thema Frauen- und Mädchenfußball dort auch gesellschaftspolitisch angekommen ist und gerade in diesem Bereich eine große Rolle spielt." Ullrich beobachtet eine "selbstverständliche Begeisterung für den Fußball als Ganzes, die Anerkennung und Wertschätzung, bei der kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht, sondern beides als attraktives und anspruchsvolles Angebot gesehen wird". Und: "Gerade bei der gesellschaftspolitischen Verankerung des Frauenfußballs sehe ich bei uns noch Potenzial, das machen die Engländer vorbildlich."

Und damit sendet die Insel auch in Brexit-Zeiten europaweit beachtliche Signale. Spaniens Frauen-Liga zum Beispiel steht ab Mitte November ein unbefristeter Streik bevor, weil die Fußballer-Gewerkschaft sich mit den 16 Erstliga-Clubs nicht über ein Mindestgehalt einigen konnte. 16.000 Euro jährlich sollte jede Spielerin als Bruttogehalt bekommen, aber die Clubvereinigung bot nur Halbjahresverträge. Jetzt soll ab dem 16. November der Ball nicht mehr rollen. Anders in Australien: Dort wird die Frauennationalmannschaft an den Werbeeinnahmen des Verbandes in gleicher Weise beteiligt wie die Männer. Auch bei Prämien erfolgt eine Gleichstellung.