Auch im Fußball kommt es zu sexuellen Übergriffen. In den vergangenen Jahren haben einige dieser Taten für Aufmerksamkeit gesorgt. Das Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt hat eine Broschüre veröffentlicht, die Betroffenen und Fußballinstitutionen hilft, angemessen mit dem Thema umgehen. Wir sprachen mit Helen Breit, eine der Initiatorinnen.

ZEIT ONLINE: Frau Breit, haben Sie konkrete Beispiele für sexualisierte Gewalt aus dem Fußballkontext?

Helen Breit: Ein Ordner oder eine Ordnerin kontrolliert eine Person und wird durch grabschen in den Schritt der Person sexuell übergriffig. Im Block wird einer Frau an den Hintern gegrabscht. Das wird bis jetzt im Fußballkontext nicht sofort als sexualisierte Gewalt kategorisiert. Wir haben im Fußball nach wie vor ein Klima, in dem sexuelle Übergriffe teilweise bagatellisiert werden. Nicht beabsichtigt, aber dieses Klima herrscht. Deswegen verwenden wir übrigens den Begriff der sexualisierten Gewalt.

ZEIT ONLINE: Im Gegensatz zu sexueller Gewalt.

Breit: Genau. Sexuelle Gewalt wird oft als erzwungener Geschlechtsverkehr oder versuchter erzwungener Geschlechtsverkehr verstanden. Das wäre eine Vergewaltigung. Aber es geht auch um Antatschen, Angrabschen und permanent anzügliche Bemerkungen.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie darauf, dass das Thema relevant ist?

Breit: Ich habe zum Thema bereits mehrere Workshops gegeben, auf denen mir immer wieder neue Erfahrungen geschildert worden sind. Ich bin in der Freiburger Fanszene sehr aktiv. Nachdem wir uns auch dort verstärkt mit dem Thema auseinandersetzten, habe ich in der vergangenen Saison drei Vorfälle mitbekommen. Die sind mir von Personen erzählt worden, die betroffen waren oder das beobachtet haben und sich auch sicher waren, dass sie das bei mir ansprechen können. Dass Fälle gemeldet werden, hängt davon ab, ob eine Ansprechperson vor Ort ist. Seitdem wir in Freiburg darüber sprechen, werden Fälle auch gemeldet. Ich würde nicht sagen, dass die vorher nicht passiert sind.

ZEIT ONLINE: Welche Personengruppen können von sexualisierter Gewalt im Stadion betroffen sein?

Breit: Fans natürlich. Ich kenne aber auch Berichte von Fanprojekten, dass vor allem deren Mitarbeiterinnen immer wieder in Situationen kommen, die für sie sehr unangenehm sind. Ohne direkte Berichte weiß ich, dass so was genauso auch im Sitzplatzbereich oder im VIP-Bereich vorkommen kann. Oder in Vereinen unter Angestellten. Das ist einer der wichtigsten Punkte bei dem Thema: Auch wenn man nicht von Vorfällen weiß, kann es trotzdem passieren. Nicht, weil es der Fußball ist, sondern weil es überall passieren kann, eben auch beim Fußball.

Helen Breit hat soziale Arbeit studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Nebenbei engagiert sie sich in der Supporters Crew Freiburg e.V., einer Interessengemeinschaft aktiver Fußballfans, in der bundesweiten Fanorganisation Unsere Kurve und im Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt.

ZEIT ONLINE: Gibt es Gruppen, die stärker von sexualisierter Gewalt betroffen sind als andere?

Breit: Im Sinne von wie vulnerabel sie sind, sind Frauen aus meiner Erfahrung am ehesten davon betroffen. Auch Inter- und Transpersonen. Uns ist es aber wichtig, trotzdem nicht den Blick auf Männer zu verlieren. Auch sie können von sexualisierter Gewalt betroffen sein.

ZEIT ONLINE: Gibt es Gruppen, die immer wieder durch sexualisierte Gewalt auffallen?

Breit: Sagen wir mal so: Es gibt einige Fanszenen, die immer wieder dadurch auffallen, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, aus Provokation, vielleicht aus tatsächlicher Ablehnung, ein Männerbild zeichnen und offen Frauen ablehnen. In den Fanszenen und im Verein wird dadurch ein gewisses Klima geschaffen. Wenn ich sexistische Spruchbänder dulde, als Verein sexistische Werbung schalte, vehement eine Männlichkeitskultur pflege, hat das zur Folge, dass Frauen wenig Platz zugesprochen wird. Trotzdem ist das sehr verkürzt. Ich würde niemals einer Fanszene oder einer Gruppe zuschreiben, dass es bei ihr automatisch mehr sexualisierte Übergriffe gibt, weil sie sich nicht permanent gegen Sexismus positioniert. Das wäre nicht hilfreich. Ich würde aber andererseits sagen: Sich aktiv damit auseinanderzusetzen, ist ein Teil von Prävention.

ZEIT ONLINE: Warum thematisieren Sie neben sexualisierter Gewalt auch Sexismus?

Breit: Sexismus in den Stadien ist für mich ein begünstigender Faktor für sexualisierte Gewalt. Wenn in einem Stadion Frauen zu Werbezwecken oder auf Spruchbändern und Aufklebern in Fanszenen auf eine sexualisierte Art und Weise dargestellt werden, vermittelt das die Botschaft, dass es in Ordnung ist, Frauen auch als Sexualobjekt, als Mittel zum Zweck, als verkaufsfördernd wahrzunehmen. Das kann zu einer Herabsetzung der Hemmschwelle führen, sexualisierte Gewalt auch auszuüben. Gleichzeitig kann Sexismus in Vereinen und Fanszenen Betroffene entmutigen, Diskriminierung sowie Übergriffe zu thematisieren.