Unter den 16 Schachprofis, die in Hamburg zum Grand Prix angetreten sind, sind, gibt es sechs Russen, zwei Chinesen, zwei Polen, einen Inder, einen Amerikaner, einen Aserbaidschaner, einen Bulgaren, einen Tschechen und einen Franzosen. Keinen Deutschen!

Dabei trägt der Weltschachverband Fide den Grand Prix deshalb erstmals an der Elbe aus, weil Hamburg eine international herausragende Schachstadt ist. Hier gab es einst und gibt es bis heute die erste Schach-Softwarefirma von Weltrang, chessbase.de; hier gibt es seit einigen Jahren die Turnierübertragungswebsite chess24, mitbegründet vom Großmeister Jan Gustafsson, Deutschlands weltbekanntestem Schachkommentator und Geschwätzblitzer; hier findet einmal im Jahr das größte eintägige Schachturnier der Welt statt, Rechtes gegen Linkes Alsterufer, mit bis zu 4.240 Schülerinnen und Schülern in der Barclay-Card-Arena.

Kein Schachtraining an der Eliteschule

In Hamburg lebt zudem der Erfinder der erfolgreichsten Schach-Kinder-Lernsoftware der Welt, fritz und fertig, deren vier Folgen sich in 16 Sprachen eine halbe Million Mal verkauft haben. Björn Lengwenus heißt er, und da er auch das Alsterufer-Turnier mitorganisiert und dem städtischen Schulschachausschuss angehört, kann ein Besuch bei ihm vielleicht die Frage beantworten helfen: Wo sind denn eigentlich wir? Wo ist unser Nachwuchs? Warum steht der erfolgreichste Deutsche, Liviu-Dieter Nisepeanu, ein Mann in den besten Jahren, aktuell auf Platz 92 der Weltrangliste? Da müsste doch mehr gehen, wenn man auf die kleineren europäischen Nachbarländer schaut, die nicht so viele Schachspieler haben, aber bessere!

Lengwenus, ein heiter-stämmiger Mittvierziger, empfängt mich in seinem kreativ-chaotischen Dienstzimmer an der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg, die er leitet; in einer Ecke steht die riesige schwarze Schachfigur, die wir später in den Schulflur schleppen, um das Foto von ihm zu machen: ein Pädagoge auf Augenhöhe mit dem königlichen Spiel.

Seine Schule, sagt er, sei in Deutschland wohl einzigartig: einerseits ein großes Haus an einem sozialen Brennpunkt, 1.600 Kinder und Jugendliche in Dulsberg, einem armen Hamburger Stadtteil; andererseits eine Eliteschule des Sports, an der 300 Schülerinnen und Schüler für Wettkämpfe auf höchstem Niveau trainieren. 14 Sportarten, von Schwimmen, Badminton, Volleyball und Judo bis hin zu Basketball.

Akzeptierter als Pokern oder Skat

Traumatisierte Flüchtlinge, die einen beschwerlichen Weg hinter sich haben, in einer anderen Kultur und Sprache aufgewachsen sind; mehrfach Behinderte, die am üblichen Unterricht teilnehmen; ehrgeizige Sportler, die an die 100 Tage im Jahr im Ausland unterwegs sind – das ist eine Mischung, die Lengwenus herausfordert, ihm Spaß macht. "Die Leistung strahlt ab", sagt er über die Wirkung, die seine Besten aufs Ganze haben. Vergangenes Jahr hätte in 20 Abiturzeugnissen eine 1 vor dem Komma gestanden.

14 Sportarten auf höchstem Niveau – warum kein Schach? "Ich mag es nicht, wenn der Schulleiter sein Hobby der Schule aufdrückt", sagt Lengwenus. Seine Zurückhaltung ist aller Ehren wert, heißt aber: Aus Dulsberg gehen schon mal keine großen Meister hervor. "Das Ziel des Schulschachs ist es auch nicht, Talente zu fördern", sagt er, "sondern Schach als pädagogisches Mittel einzusetzen." Schach fördere die Konzentration, sei hochgradig inklusiv, "jeder kann das machen", es brauche nicht viel Platz, helfe dem mathematischen Denken und sei obendrein preiswert. 

"Es zweifelt auch keiner am Schach; das ist für die Schule wichtig." Böte man etwa eine Poker-AG oder eine Skat-AG an, für die es ebenfalls besondere Kompetenzen brauchte, würde das kaum akzeptiert. Schach sitzt tief im Kulturverständnis; seine positiven Wirkungen sind anerkannt. Kann man es also vielleicht so sehen: Schach löst unter Eltern keinen Widerstand aus; es sei denn, jemand ist in jungen Jahren sehr, sehr gut? Dann könnte das geliebte Kind Schachprofi werden wollen, und man weiß ja, wohin das beruflich führt: nirgendwohin?

Nein, darin sieht der Schachpädagoge nicht die Ursache für den Mangel an starkem Nachwuchs und verweist auf Deutschlands jüngsten Großmeister, den erst 14-jährigen Vincent Keymer aus Saulheim in Rheinland-Pfalz. In der Tat, ja: Es gibt schon Eltern, zwei Musiker bei den Keymers, die einen Sinn für Leidenschaft haben, und ihren Kindern den ganz eigenen Weg ermöglichen, selbst wenn sie sich vielleicht etwas anderes gewünscht hätten.