Natürlich brennt Berlin an diesem Tag, ein bisschen zumindest. Es ist kurz nach halb fünf, als Flammen züngeln und Rauch aufsteigt über dem Olympiastadion. Allerdings nur in der Kurve, die der Anhang des Gastes aus Dortmund okkupiert hat. Die zweite Halbzeit hat gerade begonnen, da erleuchtet schwarz-gelbe Pyrotechnik den Abendhimmel.

Der Rauch verzieht sich so schnell wie die ewige Berliner Hoffnung, alles möge schöner, besser, erfolgreicher werden bei Hertha BSC, dem mit allerlei Investoren-Millionen alimentierten Fußball-Unternehmen, das der neue Trainer für "das spannendste Projekt in ganz Europa" hält, wie er sagte.

Ein paar Tage lang hat Hertha BSC sich im Glanz des schwäbischen Weltmannes aus Kalifornien gesonnt. Aber die Wahrheit ist auch in Berlin auf'm Platz, und da steht am Ende von Jürgen Klinsmanns ersten Auftritt eine Niederlage. Ein 1:2 gegen Borussia Dortmund, das zeitigt in der Bundesliga den Sturz auf den 16. Tabellenplatz, der am Ende der Saison zur Teilnahme an der Relegationsrunde mit dem Dritten der zweiten Liga verpflichten würde. 

Glanz und Elend dieser Berliner Premiere des früheren Bundestrainers spiegeln sich in jenen Minuten. Klinsmann ist es so warm, dass er die wattierte Jacke offen trägt, er lacht und ballt die Fäuste, denn gerade hat Herthas Stürmer Davie Selke den Ball ins Dortmunder Tor gekickt.

Die Videowand verkündet schon ein 2:2 als neuen Spielstand, doch mitten in gar nicht mehr so zaghafte Euphorie hinein meldet sich der berühmte Kölner Videokeller. Selke stand bei der Ballannahme eine Fersenbreite im Abseits. Kein Tor, kein Jubel und am Ende auch kein Punkt.

"Wenn das 2:2 fällt, geht das Ding in die andere Richtung ab", wird Klinsmann nach dem Spiel sagen und dass "man darüber wirklich streiten" könne. Das ist menschlich verständlich und doch nicht ganz korrekt. Das Regelwerk sanktioniert auch eine Fersenbreite Abseits. Egal, Jürgen Klinsmann steckt auch das mit einem Jürgen-Klinsmann-Lächeln weg und freut sich über die "klasse Stimmung" im oft so trostlos wirkenden Stadion. Das böse Wort Abstiegskampf kommt in seinem Wortschatz nicht vor.

Das zweite Bundesliga-Abenteuer nach den missratenen zehn Monaten in München geht er ungewöhnlich an, beinahe wie ein Groupie. Herthas Fans in der Ostkurve des Olympiastadions singen mit dem eigens angereisten Frank Zander ihre Hymne Nur nach Hause geh’n wir nicht, da zieht Klinsmann sein Handy aus der Tasche und fertigt ein spontanes Video an.

Eine selten gesehene Hommage an das Publikum, das zuvor noch Klinsmanns geschassten Vorgänger Ante Čović mit Sprechchören gefeiert hat. In Berlin wird man sicher darüber hinwegsehen, dass das Gerät mit dem Logo eines Konkurrenten des Vereinssponsors verziert war.

Ähnlich ehrfürchtig gehen seine Spieler das Duell mit den kriselnden Dortmundern an. Wenig läuft zusammen in den ersten fünfzehn Minuten, es spielt fast nur der Gast. Ein grandioser Diagonalpass des durchs Zentrum dribbelnden Julian Brandt hebelt den Berliner Abwehrblock aus, auf das Jadon Sancho allein aufs Tor zuläuft und ohne größere Mühe zum 1:0 vollendet. Klinsmann erhebt sich von der Mannschaftsbank und klopft kurz die Hände zusammen, ob nun gegen die Kälte oder zur Aufmunterung, wer weiß das schon ...