Der Kosovo könnte sich für die Fußball-EM 2020 qualifizieren und damit die Uefa und andere Teilnehmende in ein Dilemma stürzen. Der Deutsche Michael Nees ist derzeit im Rahmen der internationalen Sportförderung des Auswärtigen Amts Technischer Direktor des Fußballverbands im Kosovo.

ZEIT ONLINE: Herr Nees, der Kosovo wurde erst vor drei Jahren Mitglied in der Uefa, jetzt könnte er sich für die Europameisterschaft 2020 qualifizieren. Wie ist das möglich?

Michael Nees: Seitdem der Verband offiziell anerkannt ist, herrscht im Land eine riesige Euphorie. Man will der Welt zeigen, wer man ist. Es gibt immer noch einige Nationen, die den Kosovo nicht als Staat anerkennen, viele davon in Europa. Oft gibt es bei den Länderspielen Probleme mit den Visa, manche Länder wollen erst gar nicht gegen den Kosovo antreten, zum Beispiel Russland. Das führt natürlich zu einer noch größeren Identifikation der Spieler mit ihrem Land. Und: Der Kosovo hat sehr, sehr viele Talente. Zusammen mit der neu entfachten Euphorie ist das eine vielversprechende Grundlage. Hinzu kommen die Talente aus der Diaspora, die in ausländischen Nachwuchsleistungszentren ausgebildet wurden. In der A-Nationalmannschaft ist das bei den meisten Spielern der Fall, sie identifizieren sich aber total mit dem Kosovo. Würde der Kosovo mit einer Mannschaft auflaufen, in der alle Spieler hier im Land aufgewachsen sind, würden die Ergebnisse sicherlich anders aussehen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Potenzial steckt im kosovarischen Fußball?

Nees: Ein Riesenpotenzial in allen Bereichen, das sehe ich täglich. Unser Verbandsgebäude ist zum Beispiel völlig ausgelastet, der Ausbau ist allerdings schon geplant. Es können zurzeit gar keine Leute mehr eingestellt werden, weil wir in den Büros keinen Platz mehr haben. Auch sportlich ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Wir haben hier die besten Straßenfußballer Europas, vielleicht sind es sogar die letzten. Talent und Ehrgeiz sind da, aber die sportliche Infrastruktur ist noch verbesserungsfähig.

Michael Nees, 52 Jahre alt, arbeitete zuvor als Nationaltrainer oder Technischer Direktor in Japan, Ruanda, Südafrika, Israel und auf den Seychellen. © Kosovarischer Fußballverband

ZEIT ONLINE: Welche Aufgaben haben Sie als Technischer Direktor?

Nees: Ich bin hier im Auftrag der internationalen Sportförderung und soll den Verband technisch-strukturell auf Vordermann bringen. In vielen Bereichen wurde zunächst bei null angefangen. Hier musste man deshalb keine Mauern einreißen, sondern konnte gleich mit dem Aufbau beginnen. Die Prioritäten liegen dabei vor allem auf der Trainerausbildung, der Nachwuchs- und der Grassroots-Förderung. In Sachen Struktur sind wir immer noch weit hinter anderen Nationen, trotzdem können sich die Ergebnisse der Nationalmannschaft schon sehen lassen. Die Verantwortung soll jetzt Schritt für Schritt auf die Leute verteilt werden, die wir ausgebildet haben. Das Ziel meiner Arbeit ist also eigentlich, dass ich irgendwann überflüssig werde.

ZEIT ONLINE: Was ist dabei die größte Herausforderung?

Nees: Ich will erreichen, dass die Menschen hier im Land ihr Potenzial im Fußball ausschöpfen können. Wir probieren also einerseits, die Spieler aus der Diaspora in unser Verbandssystem zu integrieren, andererseits müssen wir den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Fast jeder Spieler oder Trainer hat Verwandte im Ausland und könnte dort irgendwie unterkommen. Sie sollen aber merken, hier in guten Händen zu sein, um ihre Träume verwirklichen zu können. Ohne die Unterstützung Deutschlands, aber auch der Fifa und Uefa, wäre das alles nicht möglich.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Fußball für die Bevölkerung?

Nees: Der Kosovo ist ein richtiges Fußballland, das spürt man. Die Leute sind total fußballverrückt. Vor allem die Nachwuchsspieler sind sehr ehrgeizig und werden stark von ihren Familien unterstützt. Manche Spieler oder Trainer muss ich fast schon in ihrem Ehrgeiz bremsen.

ZEIT ONLINE: Was kann der Fußball im Kosovo bewirken?

Nees: Der Fußball kann das nation building und die Identifikation mit dem Land vorantreiben. Er kann aber auch Vorreiter im Strukturaufbau des Landes sein und zeigen, was mit einer guten Einstellung, Wille und ein bisschen Talent möglich ist. Im Kosovo spielen im alltäglichen Leben und in der Berufswelt Beziehungen nach wie vor eine große Rolle. Wir wollen mit dem Fußballverband vormachen, wie fair und transparent gearbeitet wird. Da kann der Fußball eine Vorreiterrolle einnehmen.